Google und die Ver­lage: Wehrt Euch!

Google ist mit News Show­case über Nacht zum größten Medi­en­an­bi­eter der Welt gewor­den. 20 deutsche Ver­lage haben dem Konz­ern dazu ver­holfen. Ein Beitrag von Oliv­er Schmidt, Head of Con­tent Strat­e­gy bei der VG Media

Beitrag
Berlin, 22.10.2020
Oliver Schmidt Corint Media
Oliv­er Schmidt,Head of Con­tent Strat­e­gy bei der VG Media, über die Fol­gen eines kurzsichti­gen Manövers.

Wenn kom­mende Gen­er­a­tio­nen von Jour­nal­is­ten, Poli­tik­ern und Sozi­olo­gen sich fra­gen, wann eigentlich alles so schreck­lich schiefzuge­hen begann, soll­ten sie sich den 1. Okto­ber 2020 genau anse­hen. An diesem Tag kündigte Google an, Ver­la­gen eine Mil­liarde Dol­lar an „Lizenz­zahlun­gen“ leis­ten zu wollen. Eine Zäsur, hat­te sich Google doch bish­er strikt geweigert, Ver­la­gen Geld für die Nutzung von deren Inhal­ten in der Such­mas­chine zu zahlen. Jet­zt aber ist Google bere­it, für die sym­bol­trächtige Mil­liarde Con­tent einzukaufen – nichts anderes heißt „Lizenz­zahlung“ –, um ihn im eige­nen Pro­dukt Google News in voller Länge ver­wen­den zu dürfen.

Dafür bekommt das Unter­neh­men in Deutsch­land, einem der bei­den Startlän­der des Pro­jek­ts, geschätzt 200 Artikel pro Tag. 1.400 Artikel pro Woche. 73.000 Artikel pro Jahr. Zieht man in Betra­cht, dass Google eine Part­ner­schaft mit 200 Ver­la­gen weltweit angekündigt hat, dürfte der Such­maschi­nen­riese also inner­halb eines Jahres min­destens 800.000 jour­nal­is­tis­che Beiträge einkaufen. Damit wurde Google am 1. Okto­ber 2020 über Nacht zum weltweit größten Anbi­eter von jour­nal­is­tis­chem Con­tent. Zum Ver­gle­ich: die größte Nachricht­en­web­site der Welt, die der New York Times, hat 2016 ein Zehn­tel dieser Menge veröf­fentlicht.

Google darf den eingekauften Inhalt in seinen Dien­sten anzeigen, zusam­men­fassen, übersetzen, verän­dern oder auch unterdrücken, wenn er nicht den Inhalt­srichtlin­ien Googles entspricht. So ste­ht es im Ver­trag, den die Ver­lage mit Google abgeschlossen haben (und der der Redak­tion vor­liegt). Unter den lizen­zierten Inhal­ten find­en sich nicht nur frei zugängliche Texte, son­dern auch Videos, Bilder, Audios und Artikel, die Ver­lage hin­ter ein­er Pay­wall schützen und die Google News Show­case kosten­los anzeigen möchte. Damit hat sich Google eine entschei­dende Posi­tion in einem demokratierel­e­van­ten Sek­tor erkauft. Ein Unter­neh­men, das in den let­zten vier Jahren von der Europäis­chen Kom­mis­sion ins­ge­samt zu Strafen in Höhe von 8,25 Mil­liar­den Euro verurteilt wurde, weil es seine mark­t­be­herrschende Stel­lung miss­braucht hat.

Bei diesem Coup haben Google die bish­er größten Anbi­eter von jour­nal­is­tis­chem Con­tent geholfen: Googles Part­nerver­lage. In Deutsch­land sind das die Zeit, die FAZ, der Spiegel, der Stern, der Tagesspiegel, Focus Online, das Man­ag­er Mag­a­zin, das Han­dels­blatt, die Wirtschaftswoche und eine Hand­voll kleiner­er Pub­lika­tio­nen. Kurz gesagt: Mit Aus­nahme der Süddeutschen Zeitung und den Titeln des Axel Springer Ver­lags als lautestem Geg­n­er der Nutzung von Pres­sein­hal­ten durch Dig­i­talplat­tfor­men die gesamte bedeu­tende Presse des Lan­des. Und ent­ge­gen Googles bish­erigem Nar­ra­tiv, vor allem die Vielfalt der Lokal­presse und kleiner­er Ver­lage unterstützen zu wollen, sind es genau die großen Ange­bote, denen Google nun einige Mil­lio­nen im Jahr für ihren Con­tent zahlt.

Entsprechend wohlwol­lend waren die Mel­dun­gen zu Googles Ankündigung. Die FAZ käute die For­mulierun­gen der Google-Pressemit­teilung wieder, Googles Invest­ment sei der „bis­lang am weitesten gehende Schritt, um die Zukun­ft des Jour­nal­is­mus zu unterstützen“, und machte sich so mit der Sache von Google-Europachef Philipp Jus­tus gemein. Spiegel und Stern verzichteten bis Redak­tion­ss­chluss gar auf eine Berichter­stat­tung. Nach dem Mot­to: „Gehen Sie weit­er, hier gibt es nichts zu sehen.“

Carsten Knop, Her­aus­ge­ber der FAZ, sagte zudem: „Das neue Pro­dukt gibt uns die Möglichkeit, unseren Qual­ität­sjour­nal­is­mus noch mehr Lesern vorzustellen, die eventuell zu treuen Lesern und Abon­nen­ten wer­den.“ Kurz­er Real­itätscheck: Die FAZ geht davon aus, dass Google-News-Leser zu zahlen­den Abon­nen­ten wer­den, nach­dem sie vorher bei Google News die Bre­ite an Nachricht­en, per­fekt gefiltert aus den ver­schieden­sten Quellen und sog­ar kosten­los bekom­men haben? Das ist, als würde Mer­cedes-Benz ver­muten, dass Kun­den künftig ihre Autos kaufen, wenn Mer­cedes sie nur lange genug kosten­los Taxi fahren lässt.

Aber warum leg­en die Ver­lage diesen Real­itätsver­lust nicht nur offen an den Tag, son­dern verkünden stolz eine Zusam­me­nar­beit mit Google? Es ist dieser Irrglaube, Google sei ein Fre­und der Ver­lage. Eine „Frenemy“-Strategie, wie sie viele Ver­lage nen­nen, die sich nicht entschei­den kön­nen, ob Face­book und Google nun Friend oder Ene­my sind. Dazu kommt: Wer mit Google zusam­me­nar­beit­et, ist cool. Abstrahlef­fekt ein­er Marke und Image­trans­fer nen­nen das Mar­ket­ing­profis. Und den haben die meis­ten Ver­lage bit­ter nötig: Sie haben den dig­i­tal­en Wan­del ver­schlafen und begeben sich seit Jahren recht willig unter das Label der anderen.

Als das iPad auf den Markt kam, entwick­el­ten sie For­mate und dig­i­tale Zeitun­gen, die sich beson­ders gut auf dem Tablet kon­sum­ieren ließen. Für die Ver­lage ein Flop, für die Anbi­eter von Tablets willkommen­er Con­tent für ihre ange­botene Hard­ware. Mit dem Auf­stieg von Face­book wuch­sen in den Ver­la­gen die Social-Media-Teams, die Ver­lagsin­halte so auf die Bedürfnisse der Net­zw­erke zuschnit­ten, dass Face­book-Nutzer auch dort ihre Nachricht­en lesen kon­nten.

Das half den „sozialen“ Net­zw­erken, eine Diver­sität der The­men vorzu­gaukeln und ihr Ange­bot als großes Forum auch für Pres­sein­halte darzustellen. Für die Ver­lage ent­stand damit allerd­ings eine Abhängigkeit, die so groß wurde, dass bei jed­er Änderung des Face­book-Algo­rith­mus in den Redak­tio­nen Panik aus­brach, weil plöt­zlich ihr Social-Media-Con­tent schlechter angezeigt wurde und über Nacht die Nutzun­gen im zweis­tel­li­gen Prozent­bere­ich ein­brachen.

Sub­til wie ein bauch­freies Shirt auf einem Gal­adin­ner

Für die Bere­itschaft der Ver­lage, an den dig­i­tal­en Deus ex Machi­na zu glauben, der plöt­zlich kommt und sie vor dem Unter­gang ret­tet, hat Google viel getan. Mit der Google News Ini­tia­tive und der News­geist Con­fer­ence – ein­er Art Bilder­berg-Kon­ferenz für (Digital-)Journalisten – bear­beit­et Google schon seit Jahren die entschei­den­den Per­so­n­en in den Ver­la­gen. Hinzu kom­men Fel­low­ships, Stipen­di­en für aus­sicht­sre­iche Jungjour­nal­is­ten und natürlich eine Menge Lob­by­ing. Ein Her­an­tanzen an Geschäftsführer, Pro­duk­t­man­ag­er und die Dig­i­tal­strate­gen der Ver­lage, das unge­fähr so sub­til war wie ein bauch­freies Shirt auf einem Gal­adin­ner. Als dann die Coro­na-Pan­demie bei den Medi­en­häusern die Wer­beein­nah­men implodieren ließ und den Ver­la­gen das Wass­er übers Kinn schwappte, war das Feld bere­it­et. Die große Chance für Google, seine U‑Boote loszuschick­en.

Die Moti­va­tion der Ver­lage ist also: Geld, Pres­tige und die Aus­sicht, lieber Googles Friend als Googles Ene­my zu sein. Wer kann es ihnen verübeln? Gegen ein 160-Mil­liar­den-US-Dol­lar-Unter­neh­men zu kämpfen, das fast jed­er liebt, ist wenig erfol­gver­sprechend. Google ist ein flauschiger bunter Welpe, der nur spie­len will. Ein­er mit 1 Bil­lion Dol­lar Mark­tkap­i­tal­isierung, der sich ger­ade daran­macht, mit einem großen Happs das Inter­net zu fressen.

Aber was ist eigentlich Googles Moti­va­tion, von den Ver­la­gen Lizen­zen für eine Mil­liarde Dol­lar zu erwer­ben? Und hier nimmt die Geschichte noch ein­mal richtig Fahrt auf.

Wer sich den 1. Okto­ber ansieht, kommt nicht umhin, sich an den 25. Juni 2020 zu erin­nern. Damals veröf­fentlichte Google zum ersten Mal die Nachricht, mit Ver­la­gen für ein neues Google-News-Pro­dukt zu ver­han­deln. Der Name: Pub­lish­er Curat­ed News – die interne Beze­ich­nung und der seman­tisch doch etwas anders zu inter­pretierende Vorgänger von Google News Show­case. Wohl gemerkt: Es ging um Google News – den Aggre­ga­tor von Nachricht­en, auf dem keine Wer­bung angezeigt wird und der für Google so unbe­deu­tend ist, dass ihn die Kali­fornier in Spanien kurz­er­hand abschal­teten, als die spanis­chen Ver­lage von Google ver­langten, für die Anzeige ihrer Inhalte dort Geld zu bezahlen. Aber schon im Ver­tragsen­twurf von Juni 2020 stand im Anhang, dass Google die lizen­zierten Inhalte auch auf anderen Plat­tfor­men des Alpha­bet-Konz­erns nutzen dürfte. In der Pressemit­teilung vom 1. Okto­ber wird klar, dass Google genau das vorhat: Lizen­zierte Pres­se­texte auf den Ergeb­nis­lis­ten der Google-Suche anzeigen lassen. Im Kleinen macht Google das heute schon.

Sucht man etwa nach „FC Barcelona“, wer­den – neben aller­lei Infos zum FC Barcelona – kleine Kacheln angezeigt, in denen zu lesen ist: „FC Barcelona schlägt Celta Vigo in Unterzahl – Ansu Fati trifft.“ Damit ist das Spiel so ziem­lich erzählt. Genau gegen diese Sub­sti­tu­tion von Nachricht­en kla­gen weltweit Ver­leger unter dem Stich­wort Pres­se­leis­tungs­schutz­recht. All diese Kla­gen wer­den mit dem neuen lizen­zierten Inhalt von Google gegen­stand­s­los. Wur­den früher noch Ver­lage mit ein­er schlechteren Lis­tung ihrer Ange­bote aus den Suchergeb­nis­sen bedro­ht und so Gra­ti­sein­willi­gun­gen erpresst, muss Google bei der näch­sten Auseinan­der­set­zung nicht mehr dro­hen. Schließlich hat es genug Artikel eingekauft, um die anderen – geset­zlich vorgegebe­nen – Lizen­zierun­gen zu erset­zen.

Googles Strate­gie ist es sei­ther, einen One-Stop-Shop für Infor­ma­tion zu kreieren. Ange­fan­gen mit Ange­boten wie Google Bilder oder Videos liefert Google heute eine Menge mehr als nur eine Liste von Suchergeb­nis­sen. Wer auf der Suche nach einem Reiseziel ist und „Barcelona“ googelt, find­et in den Ergeb­nis­sen: Eine Kurzbeschrei­bung von Barcelona, einen Stadt­plan, eine Karte mit allen Restau­rants & Co, den Wet­ter­bericht, Flüge nach Barcelona, Hotels in Barcelona, die besten Sehenswürdigkeiten, Bilder, FAQs (Was man unbe­d­ingt in Barcelona machen sollte), Videos, Nachrichtenüberschriften und ja, auch zehn Suchergeb­nisse zu Barcelona – die machen aber nur noch 20 Prozent der angezeigten Fläche des First Screen aus.

Googles Ziel ist es, die Nutzer so lange wie möglich auf eige­nen Ange­boten zu hal­ten, um Inter­ak­tio­nen zu gener­ieren, Nutzer­dat­en zu sam­meln und Wer­bekon­tak­te herzustellen. Das funk­tion­iert schon recht gut, wie die GfK ermit­telt hat: 35 Prozent der Google-Nutzer lan­den beim näch­sten Klick wieder auf einem Ange­bot des Alpha­bet-Konz­erns. Google find­et nicht mehr die Antwort auf Fra­gen, Google ist die Antwort. Google ist keine Such­mas­chine mehr, Google ist ein Pro­duk­tag­gre­ga­tor.

All diese Infor­ma­tio­nen zieht Google automa­tisiert aus frei zugänglichen Quellen. Es sind Dat­en, sie sind ster­il, ober­fläch­lich. Robot­er­jour­nal­is­mus. Seit vie­len Jahren fürchten Jour­nal­is­ten, eines Tages von Robot­ern erset­zt zu wer­den. Schließlich wer­den schon jet­zt Berichte von Fußball­spie­len, Wet­ter- oder Börsen­berichte mit stan­dar­d­isierten Textschnipseln teil­weise automa­tisch geschrieben. Worauf sich die Autoren aus Fleisch und Blut aber immer zurückzogen, war die Hoff­nung, dass ein Robot­er keine Hin­ter­grund­berichte ver­fassen, keine Meinungsstücke schreiben, keine Einord­nung geben könne. Ein Robot­er sei nicht kreativ. Deswe­gen würden Robot­er die Schreiber nie kom­plett erset­zen. Müssen sie auch gar nicht. Am 1. Okto­ber 2020 hat der größte Robot­er der Welt die Kreativ­ität ein­fach eingekauft.

Google ist der ulti­ma­tive Gate­keep­er. Gast­ge­ber ein­er kosten­losen Par­ty, bei der heim­lich Fotos von den Gästen geschossen und am näch­sten Tag an den Meist­bi­etenden verkauft wer­den. Man müsste die Par­ty ein­fach nicht besuchen. Dum­mer­weise gibt es keine andere. Im Bere­ich der Such­maschi­nen hat­te Google im Novem­ber 2019 einen Mark­tan­teil in Deutsch­land von knapp 95 Prozent. Wollen Unter­neh­men im Netz gefun­den wer­den, müssen sie mit Google kooperieren. Google ist kein mark­t­be­herrschen­des Unter­neh­men. Google ist der Markt. Und es baut Stück für Stück die Ange­bote der Mark­t­teil­nehmer selb­st nach und bietet sie zu seinen Kon­di­tio­nen an.

Das Netz: eine Shop­ping-Mall mit den immer gle­ichen Fil­ialen

Das Sil­i­con Val­ley hat das Inter­net gekauft. Knapp die Hälfte des Net­zes beste­hen aus Ange­boten von Net­flix, Google, Ama­zon, Face­book, Microsoft und Apple. Zur Einord­nung: Das gesamte Inter­net beste­ht aus rund 1,8 Mil­liar­den Web­sites. Wenn im Jahr 2019 Men­schen auf die Straßen gin­gen mit dem Schlachtruf #SaveTheIn­ter­net, dann in der irri­gen Annahme, dass ihr Geg­n­er der Überwachungsstaat sei oder die gieri­gen Ver­lage, die die „Frei­heit im Netz“ ein­schränken wollen. Die Frei­heit im Netz ist eine Illu­sion. Das „Netz“ ist zu ein­er riesi­gen Online-Shop­ping­mall gewor­den mit den immer gle­ichen Fil­ialen: Google, Ama­zon, Face­book, Apple. Aus jed­er Ecke schre­it es: Kaufe! Klicke! Glaube! Ein psy­chol­o­gisch gut kon­stru­iertes Labyrinth. #SaveTheIn­ter­net hat für die Frei­heit eines 160-Mil­liar­den-Dol­lar-Unternehmens demon­stri­ert. Die gelun­gen­ste Form von kom­merzieller Desin­for­ma­tion aller Zeit­en.

Dabei wäre es 2019 noch nicht zu spät gewe­sen. Wäre die EU-Urhe­ber­rechts­richt­li­nie in allen Mit­glied­slän­dern so zügig umge­set­zt wor­den wie in Frankre­ich, hätte sich die Presse der Desin­for­ma­tion und Aus­beu­tung mit einem ger­aden Rücken ent­ge­gen­stellen kön­nen. Doch während sich die in Deutsch­land zuständi­gen Min­is­te­rien – allen voran das Bun­desjus­tizmin­is­teri­um – mit Hah­nenkämpfen beschäftigt haben, sind die Bemühungen um eine plu­rale Presse im Netz sinn­los gewor­den. Google hat die Presse­frei­heit gekauft. Was die Reak­tio­nen oder eben Nichtreak­tio­nen der vie­len Google-Part­nerver­lage auf Googles Vorstel­lung des „Show­cas­es“ zeigen.

Die wer­den all das abstre­it­en. Sie wer­den sagen, dass die Zusam­me­nar­beit ein Test­lauf ist, der Ver­trag jed­erzeit kündbar, die Lizenz­zahlun­gen „Mon­ey for noth­ing“ – Geld für schon geschriebene, auf der eige­nen Web­site ver­w­ertete Texte. Aber wo find­et die Ver­w­er­tung wirk­lich statt? Künftig auf den Servern von Google. Wenn Leser abwan­dern, die Zahlen neuer Dig­i­ta­l­a­bos schrit­tweise zurückgehen, weil Nutzer Pre­mi­um­con­tent bei Google find­en, ist es zu spät. Ein Part­nerver­lag, der die Zusam­me­nar­beit mit Google kündigt, wird durch den näch­sten Willi­gen erset­zt. Der Google-Vize Brad Ben­der schreibt es selb­st: Die Zahlung im Rah­men von Google News Show­case könne „nicht alle Nachrichtenor­gan­i­sa­tio­nen abdeck­en, auch weil nicht alle Ver­lage den Umfang und die Art der Inhalte pro­duzieren, die für dieses Pro­dukt erforder­lich sind. Google entschei­det, mit wem eine Part­ner­schaft einge­gan­gen wird.“ Google entschei­det, wer bezahlt wird. Die User wer­den indes nicht wiederkom­men. Und das alles für wie viel? Vielle­icht eine Mil­lion Euro pro Jahr bei einem mit­tel­großen Ver­lag? War das der Preis der unternehmerischen Frei­heit?

Nein. Das war auch der Preis der jour­nal­is­tis­chen Frei­heit. Denn der Google-Ver­trag hat einige weit­ere Petitessen. So müssen die Inhalte, die bei Google News Show­case gezeigt wer­den, den Inhalt­srichtlin­ien von Google News entsprechen. Diese ver­bi­eten momen­tan ver­ständlicher­weise Dinge wie den Aufruf zur Gewalt, Pornografie, Hate Speech und so weit­er. Aber was darunter zu ver­ste­hen ist, definiert Google.

Wenn ein Ver­lag also Inhalte liefert, die gegen die Richtlin­ien ver­stoßen, kann dieser ein­fach zen­siert wer­den. Die Frage ist nicht, ob Google das auch tut oder ob wir glauben, dass sie das tun. Die Frage ist, ob sie das dürfen. Und die Antwort lautet: Ja! Genau das erlaubt der Ver­trag. Mehr noch: Die Inhalt­srichtlin­ien dürfen ein­seit­ig geän­dert wer­den. Ein Schmähgedicht über den türkischen – oder vielle­icht amerikanis­chen – Präsi­den­ten? In ein­er Demokratie vielle­icht Satire, für Google aber sich­er Hate Speech. Es wird mit Gren­zfällen anfan­gen. Wie lange dauert es aber, bis kri­tis­che, ja bis­sige Kom­mentare über die Prak­tiken der Dig­i­tal­gi­gan­ten als geschäftss­chädi­gend eingestuft wer­den und damit gegen die Inhalt­srichtlin­ien ver­stoßen? Google bes­timmt, was gesagt wer­den darf und was nicht.

Das würde Google doch nie tun, oder? Hm. Der schwedis­che Jour­nal­ist Andreas Ekström berichtete 2015 in einem TED-Talk, wie Michelle Oba­ma 2009 das Opfer ein­er ras­sis­tis­chen Kam­pagne wurde. Ein Bild von ihr wurde so entstellt, dass es aus­sah wie ein Affe. Dieses Bild wurde mit „MichelleObama.jpg“ betitelt und auf ver­schieden­sten Plat­tfor­men hochge­laden. Es funk­tion­ierte. Wer 2009 nach Bildern von Michelle Oba­ma googelte, fand dieses geschmack­lose Bild. Google schritt ein, schrieb einen Code und ent­fer­nte so das Bild manuell aus den Suchergeb­nis­sen. Nie­mand würde anzweifeln, dass das ein ver­ant­wor­tungsvoller Schritt war. Ein Ein­griff in ein Sys­tem, das kom­pro­mit­tiert wurde. 2011 tötete der Recht­ster­ror­ist Anders Breivik 2011 in Nor­we­gen bei einem Anschlag 77 Men­schen, darunter viele Kinder. Daraufhin rief der schwedis­che Weben­twick­ler Nikke Lindqvist seine Fol­low­er auf, Bilder von Hun­de­haufen zu suchen, sie mit „Breivik.jpeg“ zu benen­nen und auf ihren Blogs hochzu­laden. Auch das funk­tion­ierte.

Die kri­tis­che Masse ist erre­icht, die Ket­ten­reak­tion aus­gelöst

Die Google-Bilder­suche war voller Hun­de­haufen-Breiviks. Dieses Mal reagierte Google nicht. Google hat­te sich für seine Leit­planken entsch­ieden. Michelle Oba­ma verunglimpfen: geht nicht; Breivik verunglimpfen: geht. Nachvol­lziehbar, moralisch richtig, vielle­icht sog­ar ein wenig lustig. Ein brauner Ter­ror­ist als Hun­de­haufen. Aber Fakt ist: Google hat entsch­ieden. Und hat damit bewiesen, dass sie Con­tent check­en und im Zweifel ein­greifen. Nach ihren Stan­dards.

Was ist mit den Ver­la­gen, die diese Ein­griffe in ihre Presse­frei­heit nicht hin­nehmen wollen? Was ist mit Ver­la­gen, die sich nicht am neuen Google-Pro­dukt beteili­gen? Oder von Google gar nicht zur Par­ty ein­ge­laden wur­den? Neben den Springer-Titeln und der Süddeutschen sind das so ziem­lich alle kleinen Lokal- und Region­alzeitun­gen. Sie kön­nen noch auf ihren eige­nen Web­sites pub­lizieren. Der Zugang zum Gesamt­markt kann ihnen aber ein­fach versper­rt wer­den. Die Presse­frei­heit nach Artikel 5 Grundge­setz musste so nicht staatlich oder über Beruf­skam­mern eingeschränkt, keine Jour­nal­is­ten mussten einges­per­rt wer­den. Es reichte, sie auszus­per­ren. Die Ver­lage langsam, aber sich­er auszutrock­nen.

Und nun? Was lässt sich dage­gen unter­neh­men? Wer ste­ht dem­nächst den debilen Ver­schwörungs­the­o­retik­ern von QAnon mit Fak­ten gegenüber, wenn die Ver­lage ihre wirtschaftliche Grund­lage ver­loren haben? Wer berichtet viel­seit­ig über Pan­demien, wenn die Redak­tion ger­ade groß genug ist, um Nachricht­e­na­gen­turen zu übernehmen? Wer ent­larvt rus­sis­che Pro­pa­gan­da auf Youtube? Die Poli­tik kön­nte ein­greifen, kön­nte die Ver­lage vor sich selb­st schützen. Würde aber schwierig wer­den, schließlich wur­den Verträge zwis­chen pri­vatwirtschaftlichen Unter­neh­men geschlossen.

Man kön­nte sich vielle­icht die Medi­enkonzen­tra­tion anschauen, die da auf Seit­en von Google entste­ht. Oder in einem europäis­chen Vorge­hen Google den Mark­tzu­gang ver­bi­eten. Das Unter­neh­men zer­schla­gen, reg­ulieren, stop­pen. Aber geht das wirk­lich noch? Wenn Google Zehn­tausende mobil­isieren kann, um gegen ein unlieb­sames Urhe­ber­rechts­ge­setz zu demon­stri­eren, was wird das fünftgrößte Unter­neh­men der Welt (auf Platz 3 und 4 ste­hen Ama­zon und Apple) gegen die eigene Zer­schla­gung ins Feld führen?

Die bei­den Start­märk­te von Google News Show­case sind Deutsch­land und Brasilien. Googles Begründung dafür: in den bei­den Märk­ten sind genügend Ver­lage zur Koop­er­a­tion bere­it gewe­sen, um „die kri­tis­che Masse“ zu erre­ichen. Die Ket­ten­reak­tion ist hier also aus­gelöst. Bleibt zu hof­fen, dass in den anderen schon angekündigten Märk­ten weltweit die Kern­schmelze noch aufzuhal­ten ist. Son­st wer­den spätere Gen­er­a­tio­nen tat­säch­lich auf den 1. Okto­ber 2020 als schwarzen Tag zurückblicken. Aber nur, falls sie dazu noch Hin­ter­grund­berichte auf Google find­en. Vielle­icht ver­stoßen die dann ja gegen die Inhalt­srichtlin­ien.

Der Gast­beitrag von Oliv­er Schmidt ist im HORIZONT 43/20 am 22. Okto­ber 2020 erschienen und kann unter dem unten ste­hen­den Link abgerufen wer­den.

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