Goog­le und die Ver­la­ge: Wehrt Euch!

Goog­le ist mit News Show­ca­se über Nacht zum größ­ten Medi­en­an­bie­ter der Welt gewor­den. 20 deut­sche Ver­la­ge haben dem Kon­zern dazu ver­hol­fen. Ein Bei­trag von Oli­ver Schmidt, Head of Con­tent Stra­te­gy bei der VG Media

Bei­trag
Ber­lin, 22.10.2020
Oliver Schmidt Corint Media
Oli­ver Schmidt,Head of Con­tent Stra­te­gy bei der VG Media, über die Fol­gen eines kurz­sich­ti­gen Manö­vers.

Wenn kom­men­de Genera­tio­nen von Jour­na­lis­ten, Poli­ti­kern und Sozio­lo­gen sich fra­gen, wann eigent­lich alles so schreck­lich schief­zu­ge­hen begann, soll­ten sie sich den 1. Okto­ber 2020 genau anse­hen. An die­sem Tag kündigte Goog­le an, Ver­la­gen eine Mil­li­ar­de Dol­lar an „Lizenz­zah­lun­gen“ leis­ten zu wol­len. Eine Zäsur, hat­te sich Goog­le doch bis­her strikt gewei­gert, Ver­la­gen Geld für die Nut­zung von deren Inhal­ten in der Such­ma­schi­ne zu zah­len. Jetzt aber ist Goog­le bereit, für die sym­bol­träch­ti­ge Mil­li­ar­de Con­tent ein­zu­kau­fen – nichts ande­res heißt „Lizenz­zah­lung“ –, um ihn im eige­nen Pro­dukt Goog­le News in vol­ler Län­ge ver­wen­den zu dürfen.

Dafür bekommt das Unter­neh­men in Deutsch­land, einem der bei­den Start­län­der des Pro­jekts, geschätzt 200 Arti­kel pro Tag. 1.400 Arti­kel pro Woche. 73.000 Arti­kel pro Jahr. Zieht man in Betracht, dass Goog­le eine Part­ner­schaft mit 200 Ver­la­gen welt­weit angekündigt hat, dürfte der Such­ma­schi­nen­rie­se also inner­halb eines Jah­res min­des­tens 800.000 jour­na­lis­ti­sche Bei­trä­ge ein­kau­fen. Damit wur­de Goog­le am 1. Okto­ber 2020 über Nacht zum welt­weit größ­ten Anbie­ter von jour­na­lis­ti­schem Con­tent. Zum Ver­gleich: die größ­te Nach­rich­ten­web­site der Welt, die der New York Times, hat 2016 ein Zehn­tel die­ser Men­ge ver­öf­fent­licht.

Goog­le darf den ein­ge­kauf­ten Inhalt in sei­nen Diens­ten anzei­gen, zusam­men­fas­sen, übersetzen, ver­än­dern oder auch unterdrücken, wenn er nicht den Inhalts­richt­li­ni­en Goo­g­les ent­spricht. So steht es im Ver­trag, den die Ver­la­ge mit Goog­le abge­schlos­sen haben (und der der Redak­ti­on vor­liegt). Unter den lizen­zier­ten Inhal­ten fin­den sich nicht nur frei zugäng­li­che Tex­te, son­dern auch Vide­os, Bil­der, Audi­os und Arti­kel, die Ver­la­ge hin­ter einer Pay­wall schützen und die Goog­le News Show­ca­se kos­ten­los anzei­gen möch­te. Damit hat sich Goog­le eine ent­schei­den­de Posi­ti­on in einem demo­kra­tiere­le­van­ten Sek­tor erkauft. Ein Unter­neh­men, das in den letz­ten vier Jah­ren von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on ins­ge­samt zu Stra­fen in Höhe von 8,25 Mil­li­ar­den Euro ver­ur­teilt wur­de, weil es sei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung miss­braucht hat.

Bei die­sem Coup haben Goog­le die bis­her größ­ten Anbie­ter von jour­na­lis­ti­schem Con­tent gehol­fen: Goo­g­les Part­ner­ver­la­ge. In Deutsch­land sind das die Zeit, die FAZ, der Spie­gel, der Stern, der Tages­spie­gel, Focus Online, das Mana­ger Maga­zin, das Han­dels­blatt, die Wirt­schafts­wo­che und eine Hand­voll klei­ne­rer Publi­ka­tio­nen. Kurz gesagt: Mit Aus­nah­me der Süddeutschen Zei­tung und den Titeln des Axel Sprin­ger Ver­lags als lau­tes­tem Geg­ner der Nut­zung von Pres­sein­hal­ten durch Digi­tal­platt­for­men die gesam­te bedeu­ten­de Pres­se des Lan­des. Und ent­ge­gen Goo­g­les bis­he­ri­gem Nar­ra­tiv, vor allem die Viel­falt der Lokal­pres­se und klei­ne­rer Ver­la­ge unterstützen zu wol­len, sind es genau die gro­ßen Ange­bo­te, denen Goog­le nun eini­ge Mil­lio­nen im Jahr für ihren Con­tent zahlt.

Ent­spre­chend wohl­wol­lend waren die Mel­dun­gen zu Goo­g­les Ankündigung. Die FAZ käu­te die For­mu­lie­run­gen der Goog­le-Pres­se­mit­tei­lung wie­der, Goo­g­les Invest­ment sei der „bis­lang am wei­tes­ten gehen­de Schritt, um die Zukunft des Jour­na­lis­mus zu unterstützen“, und mach­te sich so mit der Sache von Goog­le-Euro­pa­chef Phil­ipp Jus­tus gemein. Spie­gel und Stern ver­zich­te­ten bis Redak­ti­ons­schluss gar auf eine Bericht­erstat­tung. Nach dem Mot­to: „Gehen Sie wei­ter, hier gibt es nichts zu sehen.“

Cars­ten Knop, Her­aus­ge­ber der FAZ, sag­te zudem: „Das neue Pro­dukt gibt uns die Mög­lich­keit, unse­ren Qua­li­täts­jour­na­lis­mus noch mehr Lesern vor­zu­stel­len, die even­tu­ell zu treu­en Lesern und Abon­nen­ten wer­den.“ Kur­zer Rea­li­tätscheck: Die FAZ geht davon aus, dass Goog­le-News-Leser zu zah­len­den Abon­nen­ten wer­den, nach­dem sie vor­her bei Goog­le News die Brei­te an Nach­rich­ten, per­fekt gefil­tert aus den ver­schie­dens­ten Quel­len und sogar kos­ten­los bekom­men haben? Das ist, als würde Mer­ce­des-Benz ver­mu­ten, dass Kun­den künftig ihre Autos kau­fen, wenn Mer­ce­des sie nur lan­ge genug kos­ten­los Taxi fah­ren lässt.

Aber war­um legen die Ver­la­ge die­sen Rea­li­täts­ver­lust nicht nur offen an den Tag, son­dern verkünden stolz eine Zusam­men­ar­beit mit Goog­le? Es ist die­ser Irr­glau­be, Goog­le sei ein Freund der Ver­la­ge. Eine „Frenemy“-Strategie, wie sie vie­le Ver­la­ge nen­nen, die sich nicht ent­schei­den kön­nen, ob Face­book und Goog­le nun Friend oder Enemy sind. Dazu kommt: Wer mit Goog­le zusam­men­ar­bei­tet, ist cool. Abstrahl­ef­fekt einer Mar­ke und Image­trans­fer nen­nen das Mar­ke­ting­pro­fis. Und den haben die meis­ten Ver­la­ge bit­ter nötig: Sie haben den digi­ta­len Wan­del ver­schla­fen und bege­ben sich seit Jah­ren recht wil­lig unter das Label der ande­ren.

Als das iPad auf den Markt kam, ent­wi­ckel­ten sie For­ma­te und digi­ta­le Zei­tun­gen, die sich beson­ders gut auf dem Tablet kon­su­mie­ren lie­ßen. Für die Ver­la­ge ein Flop, für die Anbie­ter von Tablets will­kom­me­ner Con­tent für ihre ange­bo­te­ne Hard­ware. Mit dem Auf­stieg von Face­book wuch­sen in den Ver­la­gen die Social-Media-Teams, die Ver­lags­in­hal­te so auf die Bedürfnisse der Netz­wer­ke zuschnit­ten, dass Face­book-Nut­zer auch dort ihre Nach­rich­ten lesen konn­ten.

Das half den „sozia­len“ Netz­wer­ken, eine Diver­si­tät der The­men vor­zu­gau­keln und ihr Ange­bot als gro­ßes Forum auch für Pres­sein­hal­te dar­zu­stel­len. Für die Ver­la­ge ent­stand damit aller­dings eine Abhän­gig­keit, die so groß wur­de, dass bei jeder Ände­rung des Face­book-Algo­rith­mus in den Redak­tio­nen Panik aus­brach, weil plötz­lich ihr Social-Media-Con­tent schlech­ter ange­zeigt wur­de und über Nacht die Nut­zun­gen im zwei­stel­li­gen Pro­zent­be­reich ein­bra­chen.

Sub­til wie ein bauch­frei­es Shirt auf einem Gala­din­ner

Für die Bereit­schaft der Ver­la­ge, an den digi­ta­len Deus ex Machi­na zu glau­ben, der plötz­lich kommt und sie vor dem Unter­gang ret­tet, hat Goog­le viel getan. Mit der Goog­le News Initia­ti­ve und der News­geist Con­fe­rence – einer Art Bil­der­berg-Kon­fe­renz für (Digital-)Journalisten – bear­bei­tet Goog­le schon seit Jah­ren die ent­schei­den­den Per­so­nen in den Ver­la­gen. Hin­zu kom­men Fel­low­ships, Sti­pen­di­en für aus­sichts­rei­che Jung­jour­na­lis­ten und natürlich eine Men­ge Lob­by­ing. Ein Her­an­tan­zen an Geschäftsführer, Pro­dukt­ma­na­ger und die Digi­tal­stra­te­gen der Ver­la­ge, das unge­fähr so sub­til war wie ein bauch­frei­es Shirt auf einem Gala­din­ner. Als dann die Coro­na-Pan­de­mie bei den Medi­en­häu­sern die Wer­be­ein­nah­men implo­die­ren ließ und den Ver­la­gen das Was­ser übers Kinn schwapp­te, war das Feld berei­tet. Die gro­ße Chan­ce für Goog­le, sei­ne U‑Boote los­zu­schi­cken.

Die Moti­va­ti­on der Ver­la­ge ist also: Geld, Pres­ti­ge und die Aus­sicht, lie­ber Goo­g­les Friend als Goo­g­les Enemy zu sein. Wer kann es ihnen verübeln? Gegen ein 160-Mil­li­ar­den-US-Dol­lar-Unter­neh­men zu kämp­fen, das fast jeder liebt, ist wenig erfolg­ver­spre­chend. Goog­le ist ein flau­schi­ger bun­ter Wel­pe, der nur spie­len will. Einer mit 1 Bil­li­on Dol­lar Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung, der sich gera­de dar­an­macht, mit einem gro­ßen Happs das Inter­net zu fres­sen.

Aber was ist eigent­lich Goo­g­les Moti­va­ti­on, von den Ver­la­gen Lizen­zen für eine Mil­li­ar­de Dol­lar zu erwer­ben? Und hier nimmt die Geschich­te noch ein­mal rich­tig Fahrt auf.

Wer sich den 1. Okto­ber ansieht, kommt nicht umhin, sich an den 25. Juni 2020 zu erin­nern. Damals ver­öf­fent­lich­te Goog­le zum ers­ten Mal die Nach­richt, mit Ver­la­gen für ein neu­es Goog­le-News-Pro­dukt zu ver­han­deln. Der Name: Publis­her Cura­ted News – die inter­ne Bezeich­nung und der seman­tisch doch etwas anders zu inter­pre­tie­ren­de Vor­gän­ger von Goog­le News Show­ca­se. Wohl gemerkt: Es ging um Goog­le News – den Aggre­ga­tor von Nach­rich­ten, auf dem kei­ne Wer­bung ange­zeigt wird und der für Goog­le so unbe­deu­tend ist, dass ihn die Kali­for­ni­er in Spa­ni­en kur­zer­hand abschal­te­ten, als die spa­ni­schen Ver­la­ge von Goog­le ver­lang­ten, für die Anzei­ge ihrer Inhal­te dort Geld zu bezah­len. Aber schon im Ver­trags­ent­wurf von Juni 2020 stand im Anhang, dass Goog­le die lizen­zier­ten Inhal­te auch auf ande­ren Platt­for­men des Alpha­bet-Kon­zerns nut­zen dürfte. In der Pres­se­mit­tei­lung vom 1. Okto­ber wird klar, dass Goog­le genau das vor­hat: Lizen­zier­te Pres­se­tex­te auf den Ergeb­nis­lis­ten der Goog­le-Suche anzei­gen las­sen. Im Klei­nen macht Goog­le das heu­te schon.

Sucht man etwa nach „FC Bar­ce­lo­na“, wer­den – neben aller­lei Infos zum FC Bar­ce­lo­na – klei­ne Kacheln ange­zeigt, in denen zu lesen ist: „FC Bar­ce­lo­na schlägt Cel­ta Vigo in Unter­zahl – Ansu Fati trifft.“ Damit ist das Spiel so ziem­lich erzählt. Genau gegen die­se Sub­sti­tu­ti­on von Nach­rich­ten kla­gen welt­weit Ver­le­ger unter dem Stich­wort Pres­se­leis­tungs­schutz­recht. All die­se Kla­gen wer­den mit dem neu­en lizen­zier­ten Inhalt von Goog­le gegen­stands­los. Wur­den früher noch Ver­la­ge mit einer schlech­te­ren Lis­tung ihrer Ange­bo­te aus den Such­ergeb­nis­sen bedroht und so Gra­tis­ein­wil­li­gun­gen erpresst, muss Goog­le bei der nächs­ten Aus­ein­an­der­set­zung nicht mehr dro­hen. Schließ­lich hat es genug Arti­kel ein­ge­kauft, um die ande­ren – gesetz­lich vor­ge­ge­be­nen – Lizen­zie­run­gen zu erset­zen.

Goo­g­les Stra­te­gie ist es seit­her, einen One-Stop-Shop für Infor­ma­ti­on zu kre­ieren. Ange­fan­gen mit Ange­bo­ten wie Goog­le Bil­der oder Vide­os lie­fert Goog­le heu­te eine Men­ge mehr als nur eine Lis­te von Such­ergeb­nis­sen. Wer auf der Suche nach einem Rei­se­ziel ist und „Bar­ce­lo­na“ goo­gelt, fin­det in den Ergeb­nis­sen: Eine Kurz­be­schrei­bung von Bar­ce­lo­na, einen Stadt­plan, eine Kar­te mit allen Restau­rants & Co, den Wet­ter­be­richt, Flüge nach Bar­ce­lo­na, Hotels in Bar­ce­lo­na, die bes­ten Sehenswürdigkeiten, Bil­der, FAQs (Was man unbe­dingt in Bar­ce­lo­na machen soll­te), Vide­os, Nachrichtenüberschriften und ja, auch zehn Such­ergeb­nis­se zu Bar­ce­lo­na – die machen aber nur noch 20 Pro­zent der ange­zeig­ten Flä­che des First Screen aus.

Goo­g­les Ziel ist es, die Nut­zer so lan­ge wie mög­lich auf eige­nen Ange­bo­ten zu hal­ten, um Inter­ak­tio­nen zu gene­rie­ren, Nut­zer­da­ten zu sam­meln und Wer­be­kon­tak­te her­zu­stel­len. Das funk­tio­niert schon recht gut, wie die GfK ermit­telt hat: 35 Pro­zent der Goog­le-Nut­zer lan­den beim nächs­ten Klick wie­der auf einem Ange­bot des Alpha­bet-Kon­zerns. Goog­le fin­det nicht mehr die Ant­wort auf Fra­gen, Goog­le ist die Ant­wort. Goog­le ist kei­ne Such­ma­schi­ne mehr, Goog­le ist ein Pro­dukt­ag­gre­ga­tor.

All die­se Infor­ma­tio­nen zieht Goog­le auto­ma­ti­siert aus frei zugäng­li­chen Quel­len. Es sind Daten, sie sind ste­ril, ober­fläch­lich. Robo­ter­jour­na­lis­mus. Seit vie­len Jah­ren fürchten Jour­na­lis­ten, eines Tages von Robo­tern ersetzt zu wer­den. Schließ­lich wer­den schon jetzt Berich­te von Fuß­ball­spie­len, Wet­ter- oder Bör­sen­be­rich­te mit stan­dar­di­sier­ten Text­schnip­seln teil­wei­se auto­ma­tisch geschrie­ben. Wor­auf sich die Autoren aus Fleisch und Blut aber immer zurückzogen, war die Hoff­nung, dass ein Robo­ter kei­ne Hin­ter­grund­be­rich­te ver­fas­sen, kei­ne Meinungsstücke schrei­ben, kei­ne Ein­ord­nung geben kön­ne. Ein Robo­ter sei nicht krea­tiv. Des­we­gen würden Robo­ter die Schrei­ber nie kom­plett erset­zen. Müssen sie auch gar nicht. Am 1. Okto­ber 2020 hat der größ­te Robo­ter der Welt die Krea­ti­vi­tät ein­fach ein­ge­kauft.

Goog­le ist der ulti­ma­ti­ve Gate­kee­per. Gast­ge­ber einer kos­ten­lo­sen Par­ty, bei der heim­lich Fotos von den Gäs­ten geschos­sen und am nächs­ten Tag an den Meist­bie­ten­den ver­kauft wer­den. Man müsste die Par­ty ein­fach nicht besu­chen. Dum­mer­wei­se gibt es kei­ne ande­re. Im Bereich der Such­ma­schi­nen hat­te Goog­le im Novem­ber 2019 einen Markt­an­teil in Deutsch­land von knapp 95 Pro­zent. Wol­len Unter­neh­men im Netz gefun­den wer­den, müssen sie mit Goog­le koope­rie­ren. Goog­le ist kein markt­be­herr­schen­des Unter­neh­men. Goog­le ist der Markt. Und es baut Stück für Stück die Ange­bo­te der Markt­teil­neh­mer selbst nach und bie­tet sie zu sei­nen Kon­di­tio­nen an.

Das Netz: eine Shop­ping-Mall mit den immer glei­chen Filia­len

Das Sili­con Val­ley hat das Inter­net gekauft. Knapp die Hälf­te des Net­zes bestehen aus Ange­bo­ten von Net­flix, Goog­le, Ama­zon, Face­book, Micro­soft und Apple. Zur Ein­ord­nung: Das gesam­te Inter­net besteht aus rund 1,8 Mil­li­ar­den Web­sites. Wenn im Jahr 2019 Men­schen auf die Stra­ßen gin­gen mit dem Schlacht­ruf #Save­The­In­ter­net, dann in der irri­gen Annah­me, dass ihr Geg­ner der Über­wa­chungs­staat sei oder die gie­ri­gen Ver­la­ge, die die „Frei­heit im Netz“ ein­schrän­ken wol­len. Die Frei­heit im Netz ist eine Illu­si­on. Das „Netz“ ist zu einer rie­si­gen Online-Shop­ping­mall gewor­den mit den immer glei­chen Filia­len: Goog­le, Ama­zon, Face­book, Apple. Aus jeder Ecke schreit es: Kau­fe! Kli­cke! Glau­be! Ein psy­cho­lo­gisch gut kon­stru­ier­tes Laby­rinth. #Save­The­In­ter­net hat für die Frei­heit eines 160-Mil­li­ar­den-Dol­lar-Unter­neh­mens demons­triert. Die gelun­gens­te Form von kom­mer­zi­el­ler Des­in­for­ma­ti­on aller Zei­ten.

Dabei wäre es 2019 noch nicht zu spät gewe­sen. Wäre die EU-Urhe­ber­rechts­richt­li­nie in allen Mit­glieds­län­dern so zügig umge­setzt wor­den wie in Frank­reich, hät­te sich die Pres­se der Des­in­for­ma­ti­on und Aus­beu­tung mit einem gera­den Rücken ent­ge­gen­stel­len kön­nen. Doch wäh­rend sich die in Deutsch­land zustän­di­gen Minis­te­ri­en – allen vor­an das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um – mit Hah­nen­kämp­fen beschäf­tigt haben, sind die Bemühungen um eine plu­ra­le Pres­se im Netz sinn­los gewor­den. Goog­le hat die Pres­se­frei­heit gekauft. Was die Reak­tio­nen oder eben Nicht­re­ak­tio­nen der vie­len Goog­le-Part­ner­ver­la­ge auf Goo­g­les Vor­stel­lung des „Show­ca­ses“ zei­gen.

Die wer­den all das abstrei­ten. Sie wer­den sagen, dass die Zusam­men­ar­beit ein Test­lauf ist, der Ver­trag jeder­zeit kündbar, die Lizenz­zah­lun­gen „Money for not­hing“ – Geld für schon geschrie­be­ne, auf der eige­nen Web­site ver­wer­te­te Tex­te. Aber wo fin­det die Ver­wer­tung wirk­lich statt? Künftig auf den Ser­vern von Goog­le. Wenn Leser abwan­dern, die Zah­len neu­er Digi­ta­l­a­bos schritt­wei­se zurückgehen, weil Nut­zer Pre­mi­um­con­tent bei Goog­le fin­den, ist es zu spät. Ein Part­ner­ver­lag, der die Zusam­men­ar­beit mit Goog­le kündigt, wird durch den nächs­ten Wil­li­gen ersetzt. Der Goog­le-Vize Brad Ben­der schreibt es selbst: Die Zah­lung im Rah­men von Goog­le News Show­ca­se kön­ne „nicht alle Nach­rich­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen abde­cken, auch weil nicht alle Ver­la­ge den Umfang und die Art der Inhal­te pro­du­zie­ren, die für die­ses Pro­dukt erfor­der­lich sind. Goog­le ent­schei­det, mit wem eine Part­ner­schaft ein­ge­gan­gen wird.“ Goog­le ent­schei­det, wer bezahlt wird. Die User wer­den indes nicht wie­der­kom­men. Und das alles für wie viel? Viel­leicht eine Mil­li­on Euro pro Jahr bei einem mit­tel­gro­ßen Ver­lag? War das der Preis der unter­neh­me­ri­schen Frei­heit?

Nein. Das war auch der Preis der jour­na­lis­ti­schen Frei­heit. Denn der Goog­le-Ver­trag hat eini­ge wei­te­re Peti­tes­sen. So müssen die Inhal­te, die bei Goog­le News Show­ca­se gezeigt wer­den, den Inhalts­richt­li­ni­en von Goog­le News ent­spre­chen. Die­se ver­bie­ten momen­tan ver­ständ­li­cher­wei­se Din­ge wie den Auf­ruf zur Gewalt, Por­no­gra­fie, Hate Speech und so wei­ter. Aber was dar­un­ter zu ver­ste­hen ist, defi­niert Goog­le.

Wenn ein Ver­lag also Inhal­te lie­fert, die gegen die Richt­li­ni­en ver­sto­ßen, kann die­ser ein­fach zen­siert wer­den. Die Fra­ge ist nicht, ob Goog­le das auch tut oder ob wir glau­ben, dass sie das tun. Die Fra­ge ist, ob sie das dürfen. Und die Ant­wort lau­tet: Ja! Genau das erlaubt der Ver­trag. Mehr noch: Die Inhalts­richt­li­ni­en dürfen ein­sei­tig geän­dert wer­den. Ein Schmäh­ge­dicht über den türkischen – oder viel­leicht ame­ri­ka­ni­schen – Prä­si­den­ten? In einer Demo­kra­tie viel­leicht Sati­re, für Goog­le aber sicher Hate Speech. Es wird mit Grenz­fäl­len anfan­gen. Wie lan­ge dau­ert es aber, bis kri­ti­sche, ja bis­si­ge Kom­men­ta­re über die Prak­ti­ken der Digi­t­al­gi­gan­ten als geschäfts­schä­di­gend ein­ge­stuft wer­den und damit gegen die Inhalts­richt­li­ni­en ver­sto­ßen? Goog­le bestimmt, was gesagt wer­den darf und was nicht.

Das würde Goog­le doch nie tun, oder? Hm. Der schwe­di­sche Jour­na­list Andre­as Ekström berich­te­te 2015 in einem TED-Talk, wie Michel­le Oba­ma 2009 das Opfer einer ras­sis­ti­schen Kam­pa­gne wur­de. Ein Bild von ihr wur­de so ent­stellt, dass es aus­sah wie ein Affe. Die­ses Bild wur­de mit „MichelleObama.jpg“ beti­telt und auf ver­schie­dens­ten Platt­for­men hoch­ge­la­den. Es funk­tio­nier­te. Wer 2009 nach Bil­dern von Michel­le Oba­ma goo­gel­te, fand die­ses geschmack­lo­se Bild. Goog­le schritt ein, schrieb einen Code und ent­fern­te so das Bild manu­ell aus den Such­ergeb­nis­sen. Nie­mand würde anzwei­feln, dass das ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Schritt war. Ein Ein­griff in ein Sys­tem, das kom­pro­mit­tiert wur­de. 2011 töte­te der Rechts­ter­ro­rist Anders Brei­vik 2011 in Nor­we­gen bei einem Anschlag 77 Men­schen, dar­un­ter vie­le Kin­der. Dar­auf­hin rief der schwe­di­sche Web­ent­wick­ler Nik­ke Lind­q­vist sei­ne Fol­lower auf, Bil­der von Hun­de­hau­fen zu suchen, sie mit „Breivik.jpeg“ zu benen­nen und auf ihren Blogs hoch­zu­la­den. Auch das funk­tio­nier­te.

Die kri­ti­sche Mas­se ist erreicht, die Ket­ten­re­ak­ti­on aus­ge­löst

Die Goog­le-Bil­der­su­che war vol­ler Hun­de­hau­fen-Brei­viks. Die­ses Mal reagier­te Goog­le nicht. Goog­le hat­te sich für sei­ne Leit­plan­ken ent­schie­den. Michel­le Oba­ma ver­un­glimp­fen: geht nicht; Brei­vik ver­un­glimp­fen: geht. Nach­voll­zieh­bar, mora­lisch rich­tig, viel­leicht sogar ein wenig lus­tig. Ein brau­ner Ter­ro­rist als Hun­de­hau­fen. Aber Fakt ist: Goog­le hat ent­schie­den. Und hat damit bewie­sen, dass sie Con­tent che­cken und im Zwei­fel ein­grei­fen. Nach ihren Stan­dards.

Was ist mit den Ver­la­gen, die die­se Ein­grif­fe in ihre Pres­se­frei­heit nicht hin­neh­men wol­len? Was ist mit Ver­la­gen, die sich nicht am neu­en Goog­le-Pro­dukt betei­li­gen? Oder von Goog­le gar nicht zur Par­ty ein­ge­la­den wur­den? Neben den Sprin­ger-Titeln und der Süddeutschen sind das so ziem­lich alle klei­nen Lokal- und Regio­nal­zei­tun­gen. Sie kön­nen noch auf ihren eige­nen Web­sites publi­zie­ren. Der Zugang zum Gesamt­markt kann ihnen aber ein­fach ver­sperrt wer­den. Die Pres­se­frei­heit nach Arti­kel 5 Grund­ge­setz muss­te so nicht staat­lich oder über Berufs­kam­mern ein­ge­schränkt, kei­ne Jour­na­lis­ten muss­ten ein­ge­sperrt wer­den. Es reich­te, sie aus­zu­sper­ren. Die Ver­la­ge lang­sam, aber sicher aus­zu­trock­nen.

Und nun? Was lässt sich dage­gen unter­neh­men? Wer steht dem­nächst den debi­len Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern von QAnon mit Fak­ten gegenüber, wenn die Ver­la­ge ihre wirt­schaft­li­che Grund­la­ge ver­lo­ren haben? Wer berich­tet viel­sei­tig über Pan­de­mien, wenn die Redak­ti­on gera­de groß genug ist, um Nach­rich­ten­agen­tu­ren zu übernehmen? Wer ent­larvt rus­si­sche Pro­pa­gan­da auf You­tube? Die Poli­tik könn­te ein­grei­fen, könn­te die Ver­la­ge vor sich selbst schützen. Würde aber schwie­rig wer­den, schließ­lich wur­den Ver­trä­ge zwi­schen pri­vat­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men geschlos­sen.

Man könn­te sich viel­leicht die Medi­en­kon­zen­tra­ti­on anschau­en, die da auf Sei­ten von Goog­le ent­steht. Oder in einem euro­päi­schen Vor­ge­hen Goog­le den Markt­zu­gang ver­bie­ten. Das Unter­neh­men zer­schla­gen, regu­lie­ren, stop­pen. Aber geht das wirk­lich noch? Wenn Goog­le Zehn­tau­sen­de mobi­li­sie­ren kann, um gegen ein unlieb­sa­mes Urhe­ber­rechts­ge­setz zu demons­trie­ren, was wird das fünftgrößte Unter­neh­men der Welt (auf Platz 3 und 4 ste­hen Ama­zon und Apple) gegen die eige­ne Zer­schla­gung ins Feld führen?

Die bei­den Start­märk­te von Goog­le News Show­ca­se sind Deutsch­land und Bra­si­li­en. Goo­g­les Begründung dafür: in den bei­den Märk­ten sind genügend Ver­la­ge zur Koope­ra­ti­on bereit gewe­sen, um „die kri­ti­sche Mas­se“ zu errei­chen. Die Ket­ten­re­ak­ti­on ist hier also aus­ge­löst. Bleibt zu hof­fen, dass in den ande­ren schon angekündigten Märk­ten welt­weit die Kern­schmel­ze noch auf­zu­hal­ten ist. Sonst wer­den spä­te­re Genera­tio­nen tat­säch­lich auf den 1. Okto­ber 2020 als schwar­zen Tag zurückblicken. Aber nur, falls sie dazu noch Hin­ter­grund­be­rich­te auf Goog­le fin­den. Viel­leicht ver­sto­ßen die dann ja gegen die Inhalts­richt­li­ni­en.

Der Gast­bei­trag von Oli­ver Schmidt ist im HORIZONT 43/20 am 22. Okto­ber 2020 erschie­nen und kann unter dem unten ste­hen­den Link abge­ru­fen wer­den.

Copyright International Media