Gast­bei­trag Chris­toph Schwennicke in SZ: “Euer gutes Recht”

Der ers­te gro­ße Feh­ler der Ver­la­ge war es, Tex­te gra­tis ins Netz zu stel­len. Wenn pro­fes­sio­nel­ler Jour­na­lis­mus über­le­ben soll, müs­sen sie einen zwei­ten ver­mei­den.

Bei­trag
Ber­lin, 24.05.2022
Portrait von Corint Media-Geschäftsführer Christoph Schwennicke
Corint Media-Geschäfts­füh­rer Chris­toph Schwennicke: “Die­ses Recht ist das schärfs­te Schwert, das die Pres­se bis­lang im Über­le­bens­kampf gegen die Digi­tal­kon­zer­ne von der Poli­tik an die Hand bekom­men hat.”

Frü­her war auch nicht alles bes­ser, nicht ein­mal wirk­lich anders. Gab es zum Bei­spiel die gute alte Zeit wirk­lich, in der gren­zen­lo­ser Plu­ra­lis­mus und Medi­en­viel­falt exis­tier­te? Die Pres­se­frei­heit, befand 1965 der Grün­dungs­her­aus­ge­ber der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, Paul Sethe, sei “die Frei­heit von zwei­hun­dert rei­chen Leu­ten, ihre Mei­nung zu ver­brei­ten”. Aber, und das ist der Unter­schied zu heu­te: Die Sicht­bar­keit auf dem Markt der Mei­nun­gen war für alle gleich. Wer woll­te, grün­de­te eine Zei­tung oder eine Zeit­schrift. Ein­zi­ge Bedin­gun­gen waren die Exis­tenz von Druck­ma­schi­nen und ein funk­tio­nie­ren­der Ver­triebs. Danach war die Zei­tungs­li­zenz über Jahr­zehn­te auch die Lizenz zum Geld­dru­cken. Die Fir­men und Mar­ken rann­ten den Anzei­gen­ab­tei­lun­gen die Schal­ter ein, die Zei­tun­gen schwol­len durch die Wer­bung zu holz­scheit­di­cken Aus­ga­ben an. Das sicher­te die Grund­la­ge für guten und kost­spie­li­gen Jour­na­lis­mus. Und damit ganz neben­bei auch die Grund­la­ge für eine plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft.

Wäh­rend der gol­de­nen Jahr­zehn­te hink­te die Bran­che noto­risch hin­ter der Wirk­lich­keit hin­ter­her. Die Ver­la­ge haben weder geahnt noch gese­hen, wie schnell eine tech­ni­sche Neue­rung mit einem Mal alles ver­än­dern wür­de. Die Druck­ma­schi­ne und der Ver­trieb sind heu­te ersetzt durch den digi­ta­len Raum und die digi­ta­len Lei­tun­gen. Wer sich hier eta­bliert, der hat auch die Hege­mo­nie über die Mei­nun­gen und bestimmt, was über­haupt exis­tiert. Goo­gles Algo­rith­mus legt fest, wel­che ers­ten Plät­ze beim Such­be­griffs­paar “Putin” und “Ukrai­ne” von wem belegt wer­den. Ana­log hat der Algo­rith­mus von Face­book die Macht dar­über, wes­sen Post bei wem und in wel­cher Inten­si­tät aus­ge­spielt wird. Ihr Mono­pol ist mit Wett­be­werb nicht mehr zu bre­chen. Wer droht zum Kon­kur­ren­ten zu wer­den, wird auf­ge­kauft. Das Prin­zip, dass es nur einen Sie­ger geben kann, stei­gert sich im digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus ins Abso­lu­te.

Auch wenn eine Regu­lie­rung müh­sam und viel zu lang­sam nach­ge­holt wird, fehlt sie doch aktu­ell schmerz­lich. Die Platt­for­men agie­ren weit­ge­hend unbe­hel­ligt von Recht und Steu­ern und ver­die­nen sich dumm und dus­se­lig dabei. 80 bis 90 Pro­zent allen Anzei­gen­auf­kom­mens hat sich zu ihnen hin ver­la­gert, und die­se Ten­denz galop­piert wei­ter. Die kon­ven­tio­nel­len Pres­se­me­di­en, Maga­zi­ne und Zei­tun­gen inklu­si­ve ihrer digi­ta­len Kanä­le, dür­fen einen Rest unter sich auf­tei­len, der jedes Jahr klei­ner wird.

Die Ver­la­ge haben nur begrenzt ver­stan­den, auf wel­chem kost­ba­ren Schatz sie sit­zen

Dabei gäbe es Chan­cen, das zu ändern. Man müss­te sie nur erken­nen. Der Ver­mö­gens­ver­wal­ter Black­rock Inc. mit Sitz in New York hat sie erkannt. Mit einem Jah­res­um­satz von 16,2 Mil­li­ar­den US-Dol­lar und einem ver­wal­te­ten Ver­mö­gen von über 10 Bil­lio­nen Dol­lar ist Black­rock ein Trüf­fel­schwein des Gel­des. Die Invest­ment­fir­ma weiß, wo die Zukunft liegt.

Nun hat Black­rock den Schatz der Rech­te ent­deckt und beginnt, ihn zu heben. Hip­gno­sis heißt der eine Mil­li­ar­de Dol­lar schwe­re Fonds, mit dem die Fir­ma Musik­rech­te auf­kauft. Der Fonds hat schon einen Groß­teil der Kom­po­si­tio­nen von Fleet­wood Mac, sowie die Gesamt­wer­ke der Red Hot Chi­li Pep­pers und von Leo­nard Cohen im Port­fo­lio. Auch Bob Dylan ver­kauf­te sei­ne Song­rech­te, Sting und Bruce Springsteen. Sie alle haben begrif­fen, wie viel Geld sich mit den Rech­ten an ihren Schöp­fun­gen ver­die­nen lässt.

Die deut­schen Ver­lags­häu­ser haben dage­gen bis heu­te nur begrenzt ver­stan­den, dass sie gegen­über den gro­ßen Platt­for­men wie Face­book und Goog­le über einen ähn­lich lukra­ti­ven Schatz ver­fü­gen. Das sind ihre eige­nen, auf­wän­dig recher­chier­ten und aktu­el­len Inhal­te, die auch nach dem Erschei­nen mil­lio­nen­fach wei­ter­ver­wer­tet wer­den. Doch sie haben sich noch nicht gelöst vom ana­lo­gen Ver­triebs­de­n­ken, dass eine Zei­tung nach ihrer Aus­lie­fe­rung kei­nen Wert mehr hat.

Das stimmt aber nicht. Vor allem, weil seit Juni ver­gan­ge­nen Jah­res in Deutsch­land wie in vie­len ande­ren euro­päi­schen Län­dern ein Pres­se­leis­tungs­schutz­recht gilt. Das ist ein Recht auf Basis einer euro­päi­schen Richt­li­nie, das am Urhe­ber­recht andockt und die Ver­la­ge mit einem enor­men For­de­rungs­po­ten­zi­al gegen­über den digi­ta­len Kon­zer­nen aus­stat­tet. Deren Geschäfts­mo­dell basier­te bis­her dar­auf, die Inhal­te von Pres­se­ver­le­gern kos­ten­los in ihren Diens­ten zu nut­zen und ihr Ange­bot mit die­sen Inhal­ten für Nut­zer attrak­ti­ver zu machen.

Die Ver­lags­häu­ser waren lan­ge so naiv, für die Wei­ter­ver­brei­tung ihrer Inhal­te auf die­sen Platt­for­men dank­bar zu sein. Über den wah­ren Wert ihrer Inhal­te sind sich vie­le auch nach der Ein­füh­rung des neu­en Rechts noch nicht bewusst. Statt­des­sen erin­nert der Streit um die digi­ta­len Rech­te an kolo­nia­le Raub­zü­ge. Goog­le und Face­book bie­ten den Ein­ge­bo­re­nen für schein­bar ödes Land ein paar Glas­per­len, um dann die Schät­ze und Roh­stof­fe zu schür­fen. Geschickt fin­den sie wich­ti­ge Ver­la­ge ein­zeln ab und drü­cken so die Prei­se. Erfolg ist für die Ver­la­ge aller­dings nur gemein­sam mög­lich. Nur bei einem gemein­sa­men Vor­ge­hen kön­nen die Ver­gü­tun­gen weit höher lie­gen als das, was die Mono­pol-Gigan­ten von sich aus anbie­ten.

Der ers­te Feh­ler war, Nach­rich­ten gra­tis im Netz zu ver­tei­len.

Dabei ändert sich gera­de vie­les zu Guns­ten der Ver­la­ge. Neben dem Pres­se­leis­tungs­schutz­recht schafft auch der Digi­tal Mar­kets Act der Euro­päi­schen Uni­on die recht­li­chen Grund­la­gen für fai­ren Wett­be­werb. In den USA debat­tiert man ganz anders über die Ver­ant­wor­tung der Digi­tal­kon­zer­ne und die Fra­ge, wer Inhal­te wie ver­wer­ten darf. Vor allem aber haben Strea­ming­diens­te wie Net­flix und Ama­zon die Nut­ze­rin­nen und Nut­zer an das Abo­mo­dell gewöhnt. Die sind nun bereit, für Qua­li­tät im Netz auch zu bezah­len.

Irgend­wann begrif­fen sogar die gro­ßen Platt­for­men, dass da ein Pro­zess im Gan­ge ist, der ihr Geschäfts­mo­dell unter­gräbt. Ohne Inhal­te funk­tio­niert Goog­le nicht mehr. Nie­mand braucht eine Such­ma­schi­ne. Aber jeder braucht Such­ergeb­nis­se. Und die kom­men zu gro­ßen Tei­len von der Pres­se. Ohne Pres­se­inhal­te ist auch Face­book tod­ge­weiht, denn kein Mensch schaut sich auf Dau­er nur die­sen schlecht gelaun­ten Schund an, den wei­te Tei­le der Nut­zer dort ver­brei­ten. Face­book lebt zu einem guten Teil davon, dass Men­schen ihren Freun­den Pres­se­inhal­te anbie­ten. Das Über­le­ben der tra­di­tio­nel­len Medi­en ist auch für die Platt­for­men selbst exis­ten­zi­ell.

Gera­de mit die­sem Mehr­wert ist das neue Pres­se­leis­tungs­schutz­recht zu begrün­den. Es soll­te die Digi­tal­mo­no­po­lis­ten zwin­gen, für die Pres­se­inhal­te pau­schal zu bezah­len, mit denen sie bis­lang gra­tis ihr Geschäfts­mo­dell zum eige­nen Vor­teil betrie­ben. Die­ses Recht ist das schärfs­te Schwert, das die Pres­se bis­lang im Über­le­bens­kampf gegen die Digi­tal­kon­zer­ne von der Poli­tik an die Hand bekom­men hat.

Statt die Chan­ce zu nut­zen, lie­fern sich Ver­la­ge pein­li­che Schlamm­schlach­ten

Lei­der ist die Bran­che zum zwei­ten Mal in einem Vier­tel­jahr­hun­dert dabei, einen Jahr­hun­dert­feh­ler zu machen. Statt die Gunst des Geset­zes zu nut­zen, leis­tet sich die Bran­che Schar­müt­zel in ihrem Ver­band. Eitel­kei­ten, Ani­mo­si­tä­ten und Miss­gunst tri­um­phie­ren über Ver­nunft und Gemein­sinn. Nun steht vie­len von ihnen das Was­ser bis zum Hals. Sie brau­chen das schnel­le, klei­ne Geld von Goog­le zum Über­le­ben. Vie­le kön­nen auf das gro­ße Geld nicht war­ten, das ver­mut­lich erst nach einem Gerichts­ver­fah­ren rück­wir­kend flie­ßen wird. Die hor­rend stei­gen­den Papier­kos­ten machen die Lage nicht leich­ter. Die Digi­tal­kon­zer­ne nut­zen die Not der Bran­che aus, die sie selbst geschaf­fen haben und miss­brau­chen ihre Mono­pol­stel­lung, um den Inhalt­lie­fe­ran­ten Dum­ping-Prei­se zu dik­tie­ren.

Es bewegt sich aber etwas atmo­sphä­risch. Und poli­tisch. Die Platt­for­men wer­den nicht mehr roman­ti­siert als Urquell einer neu­en Form der Demo­kra­tie. Viel­mehr wird ihre gesell­schafts­zer­set­zen­de Sei­te gese­hen. Lan­ge Zeit hat sich die Poli­tik nicht an die Platt­for­men her­an­ge­traut. Lan­ge Zeit herrsch­te auch in einem Teil der, vor allem jün­ge­ren, Öffent­lich­keit der irri­ge Glau­be vor, dass das Netz und sei­ne Betrei­ber das Gute sind und jeder auto­ma­tisch der Böse, der sie den fai­ren Bedin­gun­gen eines Mark­tes unter­wer­fen möch­te. Längst sieht das Gros der Nut­ze­rin­nen und Nut­zer die digi­ta­len Räu­me äußerst kri­tisch. Die Poli­tik hat das all­mäh­lich begrif­fen und han­delt. Es wird Zeit, dass es auch die Ver­la­ge begrei­fen und ihren Feh­ler kor­ri­gie­ren. Sonst war es ihr letz­ter.

Die­ser Text erschien zuerst im Feuil­le­ton der Süd­deut­schen Zei­tung vom 23. Mai 2022

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