EuGH-Urteil ist sach­lich über­holt

War­um die Bun­des­re­gie­rung das Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­le­ger schnell umset­zen soll­te Ein Bei­trag von Dr. Joa­chim Jobi, Lei­ter Poli­tik bei der VG Media

Bei­trag
Ber­lin, 13.09.2019
Ein Bei­trag von Dr. Joa­chim Jobi, Lei­ter Poli­tik bei der VG Media

Ges­tern hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EuGH) im Rechts­streit der VG Media gegen die Goog­le LLC Recht gespro­chen. Damit kommt ein seit 2014 lau­fen­der Rechts­streit zu einem nur vor­läu­fi­gen Ende. Denn Gegen­stand der Ent­schei­dung des EuGH ist nicht die Fra­ge, ob die von der VG Media gel­tend gemach­ten Ansprüche der deut­schen Pres­se­ver­le­ger gegen Goog­le begründet sind – dies hat­te das Land­ge­richt Ber­lin bereits in sei­nem Vor­la­ge­be­schluss 2017 teil­wei­se aner­kannt. In dem Rechts­streit ging es viel­mehr um die for­ma­le Fra­ge, ob das deut­sche Pres­se­leis­tungs­schutz­recht (§§ 87 f ff UrhG) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on gegenüber h tte noti­fi­ziert wer­den müssen. Ent­ge­gen der Ein­schät­zung von Bun­des­re­gie­rung, Euro­päi­scher Kom­mis­si­on und ande­rer EU-Mit­glied­staa­ten hat­te Goog­le dies im Ver­fah­ren behaup­tet. Der EuGH ist nun die­ser Auf­fas­sung gefolgt. Die Ent­schei­dung ist vor allem aus einem wich­ti­gen Grund pro­ble­ma­tisch. Der euro­päi­sche Gesetz­ge­ber hat inzwi­schen im April 2019 näm­lich ein eige­nes Leis­tungs­schutz­recht beschloss­en, das inhalt­lich über die deut­sche Rege­lung noch hin­aus­geht. Mit der Fol­ge, dass das nun vor­lie­gen­de Urteil des EuGH sach­lich überholt ist. Und es ist sehr gewagt anzu­neh­men, die §§ 87 f ff UrhG würden ent­ge­gen der klar for­mu­lier­ten Absicht des Gesetz­ge­bers Vor­ga­ben für das tech­ni­sche Aus­spie­len von Diens­ten wie Goog­le News oder Search machen.

Es ist also kei­nes­wegs so, dass die Bun­des­re­gie­rung das bereits 2013 in Kraft getre­te­ne Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­le­ger mit der Ver­ab­schie­dung der DSM-Richt­li­nie durch den euro­päi­schen Gesetz­ge­ber (RL 2019/790) „kur­zer­hand auf europ ische Ebe­ne geho­ben“ hat, wie Tabea Röß­ner an die­ser Stel­le schrieb (Bei­trag vom 20. August 2019). Aus heu­ti­ger Sicht war die Einführung des PLSR in Deutsch­land ein ent­schei­den­der und auch gesell­schafts­po­li­tisch wich­ti­ger Schritt, mit dem sich der Gesetz­ge­ber bewusst gegen das rip-off und die free-rider-Geschäfts­mo­del­le von Goog­le, Face­book & Co. gestellt hat. Das wie­der­um hat sehr wohl auch den Euro­päi­schen Gesetz­ge­ber moti­viert, für einen wirk­sa­me­ren Schutz von urhe­ber­recht­lich geschützten Inhal­ten ein­zu­tre­ten. Es war hööchs­te Zeit, sich des Pro­blems anzu­neh­men – denn das Ver­hal­ten der Digi­tal­mo­no­po­lis­ten hat in der gesam­ten EU und darüber hin­aus sehr nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen. Die Ent­schei­dung des EuGH unter­streicht noch ein­mal die Dring­lich­keit die­ser Ange­le­gen­heit. Die Bun­des­re­gie­rung soll­te nun die Umset­zung des euro­päi­schen Pres­se­leis­tungs­schutz­rechts vor­zie­hen und es schnell umset­zen – Frank­reich hat dies schon getan, und nach der Ent­schei­dung des EuGH ist die Ange­le­gen­heit mehr als drin­gend.

Wesent­li­che For­de­run­gen zu Art. 15 der DSM-Richt­li­nie

Rechts­po­li­tisch war vor die­sem Hin­ter­grund die Einführung des Pres­se­leis­tungs­schutz­rechts in Deutsch­land bereits 2013 sehr vor­aus­schau­end. Und man kann mit gutem Grund anneh­men, dass die Rege­lun­gen in §§ 87 f ff UrhG hier durch­aus eine soli­de Grund- und Vor­la­ge für die Rege­lung des Art. 15 DSM-RL war. Die­se Rege­lung sieht nun ausdrücklich ein Leis­tungs­schutz­recht zu Guns­ten der Pres­se­ver­le­ger vor, das nicht nur die Diens­te wie Goog­le News oder Goog­le Search erfasst, son­dern alle Diens­te der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft ver­pflich­tet, für die Nut­zung der Pres­sein­hal­te der Ver­le­ger auch ange­mes­sen zu zah­len. Im Ergeb­nis ist Art. 15 ein rich­ti­ger und auch überfälliger Schritt, mit dem die demo­kra­tie­kon­sti­tu­ti­ve Leis­tung von Pres­se­ver­le­gern in der gesam­ten EU aner­kannt und geschützt wer­den soll. Wie jedoch die beson­de­re prak­ti­sche Erfah­rung der VG Media mit der Wahr­neh­mung und der gericht­li­chen Durch­set­zung der deut­schen Rege­lun­gen zeigt, ist die­ser Schritt im Kon­flikt mit marktübermächtige, international auf­ge­stell­te Digi­tal­mo­no­po­lis­ten auf Ver­werter­sei­te nicht aus­rei­chend.

Die­se von der Kom­mis­si­on in ihrem Impact Assess­ment v. 14.6.2016 (SWD(2016) 301 final, S. 155 ff.) beschrie­be­ne Lage der Pres­se­ver­le­ger hat sich inzwi­schen nicht ver­bes­sert. Im Gegen­teil, sie ist heu­te bedroh­li­cher, als sie es vor­her jemals war. Das Bedürfnis nach effek­ti­vem Schutz des Jour­na­lis­mus und damit der Pres­se­ver­le­ger ist noch gestie­gen und hoch­ak­tu­ell. Der deut­sche Gesetz­ge­ber soll­te daher – eben­so wie die ande­ren EU-Mit­glieds­staa­ten – die gege­be­ne Umset­zungs­frist von zwei Jah­ren bis Juni 2021 (Art. 29 Abs. 1 DSM-RL) auf kei­nen Fall aus­schöp­fen, son­dern ent­schie­den früher die Umset­zung bewerk­stel­li­gen. Als Vor­bild kann Frank­reich gel­ten, das bereits Ende Juli 2019 die Vor­ga­ben des Art. 15 DSM-RL in natio­na­les Recht umge­setzt hat. Ein effek­ti­ver Urhe­ber­rechts- und Leis­tungs­schutz muss im Hin­blick auf die beson­de­ren wirt­schaft­li­chen und tech­ni­schen Macht­ver­hält­nis­se im digi­ta­len Umfeld daher aus zwei Kom­po­nen­ten bestehen: Urhe­ber­recht und, flan­kie­rend, Kar­tell­recht. Bei der Umset­zung der Vor­ga­ben des Art. 15 DSM-RL und der grund­recht­lich gelei­te­ten Ausfüllung von Umset­zungs­spiel­räu­men sind bei­de Kom­po­nen­ten zu berücksichtigen.

Zunächst aber zu Art. 15 DSM-RL, denn beson­ders hier lohnt sich ein genau­er Ver­gleich mit dem deut­schen Pres­se­leis­tungs­schutz­recht nach § 87 f ff UrhG. Kurz gesagt sind die Prio­rit ten bei der Umset­zung der Vor­schrift fol­gen­de:

  • Im Hin­blick auf den sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich soll­ten die in der DSM-RL und in § 87 f Abs. 2 UrhG ent­hal­te­nen Defi­ni­tio­nen des Pres­se­er­zeug­nis­ses ange­gli­chen wer­den. Dazu soll­te die in Art. 2 Nr. 4 DSM-RL defi­nier­te „Pres­se­ver­öf­fent­li­chung“ in § 87 f Abs. 2 UrhG überführt wer­den, wobei man zur ter­mi­no­lo­gi­schen Klar­heit der Defi­ni­ti­on „Schrift­wer­ke“ an die Stel­le der „lite­ra­ri­schen Wer­ke“ set­zen soll­te.
  • Per­sön­li­cher Anwen­dungs­be­reich – nach Art. 15 Abs. 1 DSM-RL ist Trä­ger der Rech­te der Ver­viel­fäl­ti­gung und öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chung in Bezug auf Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen jeder Pres­se­ver­lag mit Sitz in einem EU-Mit­glieds­staat. Die­se Vor­ga­be, ergänzt durch den Hin­weis auf Pres­se­ver­le­ger mit Sitz in einem Ver­trags­staat des Abkom­mens über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum, soll­te in Teil 5, Abschnitt 1, Unter­ab­schnitt 2 des UrhG umge­setzt wer­den.
  • Abgren­zung zur Aus­nah­me für Text- und Data-Mining gem. Art. 4 DSM-RL. Hier gilt es klar­zu­stel­len, dass Aus­nah­men vom Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht zum Zwe­cke des Text und Data Mining für den Anbie­ter eines Diens­tes der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft von vorn­her­ein nicht gel­ten. Nach Art. 2 Nr. 2 DSM-RL setzt ein „Text und Data Mining“ näm­lich vor­aus, dass die (erlaub­ten) Ver­viel­fäl­ti­gun­gen (nur) für die Ana­ly­se von Tex­ten und Daten ver­wen­det wer­den (dürfen).
  • Klar­stel­lung der Aus­nah­men – Die For­mu­lie­run­gen „ein­zel­ne Wör­ter“ und „sehr kur­ze Auszüge“ sind näm­lich sprach­li­che Vari­an­ten und Ele­men­te ein und des­sel­ben Aus­nah­me­tat­be­stan­des. Für die Bestim­mung ihrer Reich­wei­te ist des­halb unter Berücksichtigung von Erwä­gungs­grund 58 ein ein­heit­li­cher Maß­stab zu bil­den. Die For­mu­lie­run­gen sind daher als abso­lu­tes Text­mi­ni­mum zu ver­ste­hen.

 

Kar­tell­recht­li­che Flan­kie­rung not­wen­dig

Wie auch von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on bereits fest­ge­stellt, haben Netz­werk­ef­fek­te und eine fast voll­stän­dig feh­len­de Regu­lie­rung in den letz­ten Jah­ren dazu geführt, dass ein­zel­ne Digi­tal­kon­zer­ne eine sol­che Markt- und Ver­hand­lungs­macht ent­wi­ckelt haben, die bis­her bekann­te Dimen­sio­nen spren­gen. Sie sind im eigent­li­chen Wort­sinn Digi­tal­mo­no­p­lis­ten gewor­den, die mit ihrem direk­ten Zugang zum End­kun­den eine essen­ti­el­le Infra­struk­tur kon­trol­lie­ren. Dies ver­setzt sie in die Lage, Ver­trags­be­din­gun­gen zu dik­tie­ren. Im Markt für Such­ma­schi­nen hat zum Bei­spiel Goog­le nicht nur Rech­te­inha­bern, son­dern auch einer Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft wie der VG Media (nicht weni­ger als bei der GEMA im Fall „You­tube“) gezwun­gen, Kon­di­tio­nen zu akzep­tie­ren, wel­che den urhe­ber­recht­lich vor­ge­se­he­nen Grund­satz der ange­mes­se­nen Vergütung ins Lee­re lau­fen las­sen.

Im Ergeb­nis hat Goog­le gestan­de­ne Pres­se­ver­le­ger zum Ver­zicht auf ihre gesetz­lich aner­kann­ten Rechts­po­si­tio­nen gezwun­gen. Dies ist schon 2014 in Deutsch­land pas­siert, als Goog­le kos­ten­lo­se Lizen­zen für die Nut­zung von Pres­sein­hal­ten erzwun­gen hat. Grund­le­gend hat sich dar­an aber auch mit der Ver­ab­schie­dung der DSM-Richt­li­nie nichts geän­dert – und was erschwe­rend wirkt, offen­sicht­lich auch nicht an der Hal­tung von Goog­le. Ver­tre­ter von Goog­le erklä­ren näm­lich auch 2019 öffent­lich, auch nach der Umset­zung der DSM-Richt­li­nie und des dar­in ent­hal­te­nen Leis­tungs­schutz­rechts nicht für Pres­sein­hal­te an die Ver­le­ger zah­len zu wol­len. Dies würde eine ange­mes­se­ne Betei­li­gung von Ver­le­gern und Jour­na­lis­ten erneut ins Lee­re lau­fen las­sen – und dies ist jeden­falls kein Zustand, den der Gesetz­ge­ber in Deutsch­land und in der gesam­ten EU unwi­der­spro­chen hin­neh­men soll­te. Dies soll­ten daher bei der Umset­zung der DSM-Richt­li­nie bedacht wer­den, denn an den Macht­ver­hält­nis­sen im Markt hat sich nichts Grund­le­gen­des geän­dert. Und Goog­le wird auch in Zukunft sei­ne Markt­macht nut­zen – zu Las­ten der Pres­se­ver­le­ger und eben­so der Jour­na­lis­ten.

Kol­lek­ti­ve Lizenz­ver­ga­be nach Art. 12 DSM-RL ermög­li­chen

Arti­kel 12 sieht die Mög­lich­keit vor, eine soge­nann­te „Kol­lek­ti­ve Lizenz­ver­ga­be mit erwei­ter­ter Wir­kung“ zu schaf­fen. Bei der Umset­zung der Richt­li­nie kön­nen die Mit­glied­staa­ten danach den Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten das Recht zuer­ken­nen, im Rah­men ihrer jewei­li­gen Zustän­dig­kei­ten Nut­zungs­rech­te auch für sol­che Wer­ke und Schutz­ge­gen­stän­de ein­zu­räu­men, für die die Rech­te­inha­ber der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft noch kein Man­dat zur Rech­te­wahr­neh­mung erteilt haben.

Urhe­ber­recht­lich gespro­chen han­delt es sich dabei um die soge­nann­te „Außen­sei­ter­re­ge­lung“. Die­se hat sich beson­ders in Situa­tio­nen bewährt, in denen es um die mas­sen­haf­te Nut­zung von Wer­ken oder ande­ren Schutz­ge­gen­stän­den geht, wofür wie­der­um eine Viel­zahl gleich­ar­ti­ger Lizen­zen von sehr vie­len Rech­te­inha­bern erwor­ben wer­den müssen. Gleich­zei­tig wer­den die Inter­es­sen der­je­ni­gen Rech­te­inha­ber, deren Rech­te auf die­se Wei­se von einer Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft wahr­ge­nom­men wer­den, durch die zwin­gen­de und jeder­zeit gege­be­ne Mög­lich­keit zum Wider­spruch (Opt-out) gewahrt. Ins­ge­samt wer­den bei die­ser Art der Rech­te­ver­wer­tung die Trans­ak­ti­ons­kos­ten für den ein­zel­nen Rech­te­inha­ber gesenkt und die Ver­ga­be von Rech­ten an gro­ßen Port­fo­li­os ermög­licht.

Die­se Rege­lung trägt also den Inter­es­sen der Urhe­ber wie der Ver­wer­ter glei­cher­ma­ßen Rech­nung und führt zu mehr Rechts­si­cher­heit. Und Art. 12 stellt auch sicher, dass die­je­ni­gen Urhe­ber, die eine Wahr­neh­mung ihrer Rech­te durch Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten – aus wel­chen Gründen auch immer – nicht wol­len, dies durch ein ein­fa­ches „Nein“ für die Zukunft unter­bin­den kön­nen. Im Ergeb­nis ist dies eine aus­ge­wo­ge­ne Rege­lung, die den Inter­es­sen von Urhe­bern und Ver­wer­tern an der Mone­ta­ri­sie­rung der Inhal­te Rech­nung trägt und gleich­zei­tig kei­nen der Betei­lig­ten bevor­mun­det. Mit ande­ren Wor­ten eine klas­si­sche win-win-Situa­ti­on, die der deut­sche Gesetz­ge­ber auch so umset­zen soll­te.

Der Namens­bei­trag von Dr. Joa­chim Jobi ist auf medienpolitik.net — Debat­ten aus Medi­en- und Netz­po­li­tik, 13. Sep­tem­ber 2019 erschie­nen und kann unter dem unten ste­hen­den Link abge­ru­fen wer­den.

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