Ein Etap­pen­sieg der frei­en Pres­se und der Demo­kra­tie

Schluss mit dem Daten­klau im Inter­net: Stimmt das EU-Par­la­ment zu, müs­sen Daten­kon­zer­ne wie Goog­le Ver­le­gern und Jour­na­lis­ten künf­tig Lizenz­ge­büh­ren dafür zah­len, dass sie ihre Tex­te ver­brei­ten. Ver­klagt wor­den war Goog­le von der VG Media. Ihr Geschäfts­füh­rer erklärt, war­um die­ses neue EU-Urhe­ber­recht schon längst über­fäl­lig sei

Bei­trag
Ber­lin, 22.02.2019
Markus Runde
Mar­kus Run­de,Geschäfts­füh­rer der VG Media, hält das neue EU-Urhe­ber­recht für über­fäl­lig

Am 6. Mai 2015 stell­te der EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oettin­ger sei­ne Anre­gun­gen für den digi­ta­len Bin­nen­markt vor. Dazu gehö­re, so Oettin­ger damals, dem deut­schen Vor­bild fol­gend, unter ande­rem der Erlass eines euro­päi­schen Leis­tungs­schutz­rech­tes für Pres­se­ver­le­ger. In den dar­auf­fol­gen­den 46 Mona­ten wur­de agi­tiert, appel­liert, abge­lenkt und gelo­gen. Manch­mal erhiel­ten die EU- Par­la­men­ta­ri­er an einem Tag 71239 auto­ma­tisch gene­rier­te, elek­tro­ni­sche Nach­rich­ten gegen den Erlass des Rechts. Fast immer ging es um Gro­ßes, um die „Zer­stö­rung des frei­en Inter­nets“. Immer woll­ten Goog­le, Face­book und die ande­ren nur das Bes­te für ihre Nut­zer, den Jour­na­lis­mus, die Ver­le­ger und vor allem die Demo­kra­tie. Leser soll­ten doch nur ihre Zei­tun­gen fin­den. Goog­le hel­fe ihnen über den digi­ta­len Zebra­strei­fen, in all dem Ver­kehr und ganz umsonst. Selbst unse­re Kin­der wur­den von der Goog­le Toch­ter You­Tube, dem ach so krea­ti­ven Spiel­zeug, gegen die Urhe­ber­rechts­re­form in Stel­lung gebracht.

Erst spät und nur in weni­gen Fäl­len wur­de wahr­haf­tig, dis­kur­siv, gerun­gen, etwa ob die Gewäh­rung eines Imma­te­ri­al­gü­ter­rechts für elek­tro­ni­sche Pres­se­ver­le­ger ein geeig­ne­tes Mit­tel der Pres­se­ver­le­ger in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Goog­le, Face­book und wei­te­ren tritt­brett­fah­ren­den Aggre­ga­ti­ons­diens­ten sein kann, oder ob das Kar­tell­recht nun „ran“ muss, weil kein Rest­wett­be­werb besteht. Weil Markt­ein­tritts­schran­ken wegen der Akku­mu­la­ti­on der Rie­sen­da­ten­men­gen – und dazu in kapil­la­rer Qua­li­tät – so hoch sind, dass kein Unter­neh­men, ob alt oder „star­tend“, Wett­be­werb aus­lö­sen kann.

Noch fehlt der Segen des EU-Par­la­ments

Nun könn­te das alles bald vor­bei sein: Der Euro­päi­sche Rat, die EU-Kom­mis­si­on und das Euro­päi­sche Par­la­ment haben sich dar­auf ver­stän­digt, dass die Pres­se­ver­le­ger ein Leis­tungs­schutz­recht erhal­ten, die Zustim­mung des Euro­päi­schen Par­la­ments im März oder spä­tes­tens April 2019 vor­aus­ge­setzt. Auch ein Anspruch der Jour­na­lis­ten auf eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung für die Nut­zung ihrer Rech­te durch Such­ma­schi­nen­be­trei­ber und ande­re Diens­te soll gewährt wer­den. Kommt das neue euro­päi­sche Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­le­ger, wer­den die EU-Mit­glieds­staa­ten bis 2021 ver­pflich­tet sein, das Recht in natio­na­le Ord­nun­gen zu trans­for­mie­ren. Goog­le, Face­book und ande­re Diens­te haben spä­tes­tens dann über­all in der EU zu zah­len, soweit sie wei­ter­hin digi­ta­le Pres­se­er­zeug­nis­se in der Lis­te ihrer Such­ergeb­nis­se auf­füh­ren und auf die­se Wei­se das Leis­tungs­schutz­recht der Pres­se­ver­le­ger sowie die Urhe­ber­rech­te der Jour­na­lis­ten ver­wer­ten.

Wie eine sol­che Zah­lung aus­se­hen kann, zeigt der Blick von Brüs­sel nach Osten: Das deut­sche Pres­se­leis­tungs­schutz­recht vom 1. August 2013 ist Pate des euro­päi­schen. Die deut­schen Pres­se­ver­le­ger kla­gen auf die­ser Grund­la­ge bereits seit 2014 gegen die Goog­le Inc. mit Sitz im kali­for­ni­schen Moun­tain­view. Die Aus­ein­an­der­set­zung ist das Vor­hut­ge­fecht, mit prä­gen­den Wir­kun­gen für alle euro­päi­schen Rech­te­inha­ber. Allein die Zustel­lung der Kla­ge in Kali­for­ni­en hat­te Mona­te gedau­ert. Die deut­schen Ver­le­ger ver­lan­gen, wür­den sich alle deut­schen Her­aus­ge­ber von Pres­se­er­zeug­nis­sen der Kla­ge anschlie­ßen, für die Nut­zung der Leis­tungs­schutz­rech­te und die Ansprü­che der Jour­na­lis­ten nicht weni­ger als 11 Pro­zent des Jah­res­um­sat­zes aus dem Betrieb der Such­ma­schi­ne der Goog­le Inc. in Deutsch­land. Goog­le Inc. bilan­ziert die Deutsch­land-Umsät­ze aber gar nicht in Deutsch­land, son­dern über die Goog­le Ire­land Ltd. mit Sitz in Dub­lin. Daher haben die deut­schen Pres­se­ver­le­ger auch auf Aus­kunft der Umsät­ze aus Deutsch­land geklagt.

Goog­le droht eine Nach­zah­lung in Mil­li­ar­den­hö­he

Unter­stellt man Goog­le-Umsät­ze aus Deutsch­land von 2013 bis 2019 in Höhe von 5 bis 9 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr, hät­te die Goog­le Inc. für die Nut­zung der Rech­te der deut­schen Pres­se­ver­le­ger und Jour­na­lis­ten seit August 2013 bereits Mil­li­ar­den nur an deut­sche Pres­se­ver­le­ger und Jour­na­lis­ten nach­zu­zah­len. Die­ses Geld blie­be nicht bei der für die Pres­se­ver­le­ger kla­gen­den VG Media GmbH, son­dern flös­se an alle kla­gen­den Pres­se­ver­le­ger und von dort, in einem aus­zu­han­deln­den Umfang, auch an die Jour­na­lis­ten. Das Land­ge­richt Ber­lin hat bereits erklärt, die Ansprü­che der deut­schen Pres­se­ver­le­ger sei­en „min­des­tens in Tei­len begrün­det“. Es ist also nicht phan­tas­tisch, son­dern denk­bar, wenn nicht sogar über­wie­gend wahr­schein­lich.

Ein Eigen­tums­recht leis­tet natür­lich einen Bei­trag, Pres­se, recher­chier­te und dif­fe­ren­zier­te Inhal­te zu erhal­ten. Ein Eigen­tums­recht schützt vor unent­gelt­li­cher, unge­frag­ter Über­nah­me der eige­nen Leis­tun­gen durch frem­de Digi­tal­mo­no­po­lis­ten. Freie Pres­se bleibt finan­zier­ba­rer, die Mög­lich­keit zur Mei­nungs­bil­dung, dem „Kleb­stoff unse­rer Gesell­schaft“, ist wahr­schein­li­cher. Die Zah­lun­gen wären der mate­ria­li­sier­te Beleg dafür, dass Eigen­tums­rech­te auch im Netz gel­ten. Der ver­ständ­li­che Ein­druck vie­ler, es gebe eine ana­lo­ge Rechts­ord­nung für alle und eine digi­ta­le Ord­nung, die allein dem tech­ni­schen Impe­ra­tiv Goo­g­les, Face­books oder App­les fol­ge, wür­de nicht wei­ter ver­stärkt.

Kei­ne Frei­heit ohne Recht – nicht das Größ­te viel­leicht für die weni­gen Gesell­schaf­ter Goo­g­les oder Face­books, aber für die Mehr­heit: kein schlech­tes Ergeb­nis für die Demo­kra­tie!
 
Der Gast­bei­trag von Mar­kus Run­de ist auf cicero.de – Maga­zin für poli­ti­sche Kul­tur, 15. Febru­ar 2019 erschie­nen und kann unter dem unten ste­hen­den Link abge­ru­fen wer­den.

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