„Dür­fen die das?“

Face­book und Goog­le sol­len für die Nut­zung von Pres­sein­hal­ten zah­len. Die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Corint Media for­dert von Goog­le und Face­book dafür ins­ge­samt 610 Mil­lio­nen Euro im Jahr 2022. Frech? Nein, sehr soli­de. Und viel­leicht sogar zu nied­rig bemes­sen.

Bei­trag
Ber­lin, 10.01.2022
Oliver Schmidt Corint Media
Oli­ver Schmidt, Head of Con­tent Stra­te­gy bei Corint Media:„Indem Pres­se­ver­la­ge in Such­ma­schi­nen statt­fin­den, über­tra­gen sie ihren Ver­trau­ens­bo­nus auch auf die Such­ma­schi­ne. Für die Maschi­ne sind sie damit unbe­zahl­bar. Gera­de des­halb soll­ten sie gerecht ver­gü­tet wer­den.“

Glaubt man Goog­le, sind wir bei Corint Media die Meis­ter der Maß­lo­sig­keit. Wir haben 420 Mil­lio­nen Euro dafür gefor­dert, dass das Unter­neh­men sein Ange­bot mit Vor­schau­t­ex­ten, Bil­dern und ande­ren Ele­men­ten von Pres­se­ver­le­gern auf­wer­tet. Die Ant­wort folg­te prompt: Ein Goog­le-Spre­cher erklär­te, man hal­te sich an das Gesetz und ori­en­tie­re sich “an Fak­ten, nicht an halt­lo­sen For­de­run­gen”. Ein Sound, der auch ande­ren schon ent­ge­gen­schlug, wenn sie in Aus­tra­li­en, Frank­reich oder Kana­da Goog­le davon in Kennt­nis setz­ten, dass sie sich nun an das Recht hal­ten soll­ten.

Face­book reagier­te da auf die 190 Mil­lio­nen Euro, die Corint Media für deren Nut­zung von Pres­sein­hal­ten auf­rief, schon fast zurück­hal­tend. Man kom­men­tie­re die geschäft­li­chen Gesprä­che nicht öffent­lich, erklär­te eine Spre­che­rin. Zah­lungs­be­reit sind natür­lich bei­de (noch) nicht. Schließ­lich geht es in Sum­me um 610 Mil­lio­nen Euro. Ist das in irgend­ei­ner Form ver­tret­bar? Recht­lich? Wirt­schaft­lich? Mora­lisch?
Dür­fen die das? Ja. Und wahr­schein­lich ist die Sum­me eher zu gering.

Ihr Medi­en, seid doch mal dank­bar!

Geht es um For­de­run­gen, die von Pres­se­ver­la­gen gegen­über Goog­le erho­ben wer­den, ist die reflex­haf­te Reak­ti­on: Die Ver­la­ge müss­ten Goog­le eigent­lich dank­bar sein, dass die Such­ma­schi­ne ihnen Traf­fic im Mil­li­ar­den­wert wei­ter­lei­te. Und über­haupt erzie­le Goog­le mit Pres­sein­hal­ten kaum Ein­künf­te: Goog­le News sei wer­be­frei und die meis­ten Suchen, bei denen Pres­sein­hal­te ange­zeigt wür­den, kämen ohne Mone­ta­ri­sie­rung für Goog­le aus. War­um “unter­stützt” aber Goog­le über die Goog­le News Initia­ti­ve und ande­re Pro­gram­me die Pres­se, wenn sie für das eige­ne Pro­dukt qua­si kei­ne Bedeu­tung hat? Hat ein aktio­närs­ge­trie­be­nes Mul­ti­mil­li­ar­den-Dol­lar-Unter­neh­men plötz­lich sein gutes (oder schlech­tes) Gewis­sen ent­deckt und tut wahl­los Gutes? Oder ist die Geschich­te, Pres­sein­hal­te sei­en für Goog­le nur Bei­fang im Schlepp­netz der Infor­ma­ti­ons­fi­sche­rei, viel­leicht ein biss­chen geflun­kert?

Für die Argu­men­ta­ti­on, dass Pres­se für Goog­le kei­ne wirt­schaft­li­che Bedeu­tung habe, führt der Such­ma­schi­nen­kon­zern gern eine Unter­su­chung des Soft­ware-Unter­neh­mens Sis­trix an, das sich unter ande­rem auf Such­ma­schi­nen­op­ti­mie­rung spe­zia­li­siert hat. Sis­trix hat­te für sei­ne Stu­die 1278 Domains als Pres­se-Domains defi­niert. Danach hat­te das Unter­neh­men gezählt, wie häu­fig eine Goog­le-Suche “jour­na­lis­tisch geprägt” ist. Dafür setz­te Sis­trix die Hür­de, dass min­des­tens fünf der zehn Links in der Goog­le-Such­ergeb­nis­lis­te von einer der defi­nier­ten Pres­se-Domains stammt. Die Stu­die ergab, dass dem­nach nur
7,89 Pro­zent der Suchen jour­na­lis­tisch geprägt sei­en. Und dass nur 0,25 Pro­zent der jour­na­lis­tisch gepräg­ten Suchen auch mit Anzei­gen im Umfeld kom­bi­niert wür­den.

Pres­se ist wich­tig — für Goog­le!

Dies wür­de die Annah­me, Pres­se sei für Goog­le nur nach­ran­gig, stüt­zen. Nun lässt sich aber schon bezwei­feln, ob der Ansatz rich­tig ist, min­des­tens die Hälf­te der zehn ange­zeig­ten Such­ergeb­nis­se als Schwel­le zu set­zen, um eine Suche als jour­na­lis­tisch geprägt ein­zu­ord­nen. In Deutsch­land gibt es allein
16 Mil­lio­nen .de-Domains, die im Wett­be­werb mit die­sen 1278 Ange­bo­ten ste­hen. Was die Unter­su­chung aber vor allem außer Acht lässt, ist, was nach der Suche geschieht. Wohin geht der gol­de­ne Klick, mit dem Goog­le so viel Geld ver­dient?

Goog­le ist eine Black­box, von der nicht ein­mal die Kon­tu­ren zu erken­nen sind. Der Algo­rith­mus und die wich­tigs­ten Leis­tungs­da­ten sind geheim. Nur manch­mal fällt ein kur­zer Licht­schim­mer in die Kis­te – oder etwas Fins­ter­nis dringt aus ihr her­aus, je nach­dem von wel­cher Sei­te man die Sache betrach­tet. Der Bei­trag im Goog­le-Blog “The Key­word” vom 18. Novem­ber, in dem Phil­ipp Jus­tus die Eini­gung mit eini­gen deut­schen Ver­la­gen über die Lizen­zie­rung von Leis­tungs­schutz­rech­ten ankün­digt, war einer die­ser erhel­len­den Momen­te. Jus­tus wies hier noch­mals dar­auf­hin, wie wich­tig Goog­le für die Ver­la­ge sei. 8 Mil­li­ar­den Klicks lei­te man monat­lich an die Ver­la­ge allein in Euro­pa wei­ter. Die Zahl fußt auf einer Aus­sa­ge von Richard Gin­gras, dem Vice Pre­si­dent News bei Goog­le, der 2020 eben­falls in einem Blog­post schrieb, goog­le lei­te monat­lich welt­weit 24 Mil­li­ar­den Klicks an Ver­lags­an­ge­bo­te wei­ter. Die­se Zah­len müs­sen stut­zig machen. Zwar ist man bei Goog­le gigan­ti­sche Zah­len gewöhnt. Aber 24 Mil­li­ar­den Klicks? Pro Monat? Wie passt das zur Behaup­tung der mar­gi­na­len Bedeu­tung von Pres­se­er­zeug­nis­sen für Goog­le?
Sind 24 Mil­li­ar­den Klicks nur ein Boden­satz in der größ­ten Such­ma­schi­ne der Welt?

Wir schät­zen mal den Traf­fic …

Um sich der Ant­wort auf die­se Fra­ge zu nähern, benö­tigt es Kon­text. Schät­zun­gen, wie vie­le Suchen Goog­le monat­lich durch­führt, las­sen für 2020 einen Wert von rund 180 Mil­li­ar­den ver­mu­ten. So oft tip­pen Men­schen einen Such­be­griff ein und las­sen den Robo­ter arbei­ten. Ver­knüpf­te man die­se 180 Mil­li­ar­den mit den 24 Mil­li­ar­den Klicks, die Goog­le nach eige­ner Aus­sa­ge an Pres­se­an­ge­bo­te schickt, wür­de rund jede sieb­te Goog­le-Suche mit einem Klick auf ein Pres­se­er­zeug­nis enden.

Nun las­sen sich die­se bei­den Zah­len aber eben nicht ein­fach in ein Ver­hält­nis set­zen. Die eine Zahl bezeich­net eine Zahl von Klicks, also Nut­zer­inter­ak­tio­nen, die aus dem Goog­le-Ange­bot her­aus­ge­hen.
Die ande­re Zahl ist viel abs­trak­ter, da sie nur etwas dar­über aus­sagt, was Nut­zer in die Such­ma­schi­ne hin­ein­ge­ben und fast nichts dar­über, was sie aus der Maschi­ne her­aus­be­kom­men. Des­we­gen müs­sen bei­de Zah­len mit Hilfs­grö­ßen ver­gleich­bar gemacht wer­den. Zual­ler­erst löst nicht jede Suche auch einen Klick auf ein Such­ergeb­nis aus. Die­ses Phä­no­men beschreibt die soge­nann­te “Zero-Click-Search”-Rate, also der Anteil von Suchen, denen kein Klick folgt oder nur ein Klick, der im Goog­le-Uni­ver­sum bleibt – bei einem You­Tube-Video, einem Klick auf “News”, einer Bil­der­su­che, oder einer Suche bei Goog­le Maps.
Die­se Rate lag 2020 bei rund 65 Pro­zent. Ziem­lich genau zwei Drit­tel der Such­an­fra­gen wer­den also nicht an ein exter­nes Ange­bot wei­ter­ge­lei­tet. Für so ziem­lich alle – außer Goog­le – ist die­ser Wert eine Kata­stro­phe. Goog­le ist dann kein Markt­be­herr­sch­er mehr, Goog­le ist der Markt – und das Pro­dukt, das auf dem Markt gehan­delt wird.

Goog­le hat einen Zaun um sei­ne Nut­zer gebaut und an jeder Stel­le, an der ein Loch im Zaun vor­ge­se­hen ist, kann der Kon­zern Geld ver­die­nen. Um das zu ver­ste­hen, muss man ver­ste­hen, womit Goog­le eigent­lich Geld ver­dient. Kurz und ober­fläch­lich erklärt: Wer­be­trei­ben­de bie­ten in Auk­tio­nen Geld dafür, mit ihren Sei­ten in den Such­ergeb­nis­sen beson­ders weit oben ange­zeigt zu wer­den. Wenn ein Nut­zer auf einen die­ser bezahl­ten Links klickt, zahlt der Wer­be­trei­ben­de dafür an Goog­le. Je nach­dem wie groß die Kon­kur­renz zwi­schen den Zah­lungs­wil­li­gen beim jewei­li­gen Such­be­griff ist, und wie gewinn­ver­spre­chend das ange­bo­te­ne Pro­dukt ist, kann solch ein Klick bis zu 50 Euro für Goog­le brin­gen. Ent­schei­dend ist, dass Nut­zer kli­cken.

Nach Abzug der Zero-Click-Sear­ches käme Goog­le auf einen monat­li­chen wei­ter­ge­lei­te­ten Traf­fic von rund 60 Mil­li­ar­den Suchen. 60 Mil­li­ar­den Mal kli­cken Nut­zer auf ein Such­ergeb­nis, das sie von Goog­le zu der Sei­te führt, auf der sie eine Ant­wort fin­den. Und laut Richard Gin­gras lei­tet Goog­le 24 Mil­li­ar­den Klicks pro Monat an Pres­se­er­zeug­nis­se wei­ter. Wahr­schein­lich ist hier auch Traf­fic, der von Goog­le News oder Dis­co­ver kommt, mit­ge­zählt. Ein gro­ßer Teil des Traf­fics, den Goog­le an Ver­la­ge wei­ter­lei­tet, kommt von Goog­le Dis­co­ver. Für Goog­le ist es aber einer­lei, ob Men­schen aus der Suche oder aus Dis­co­ver auf Ver­lags­in­hal­te kli­cken. Jeder Klick schärft das Pro­fil. Jede Inter­ak­ti­on macht den Nut­zer noch etwas trans­pa­ren­ter und damit leich­ter zu ver­mark­ten. Dis­co­ver selbst als Fea­ture auf Android-Smart­pho­nes macht wie­der­um Goo­g­les Betriebs­sys­tem attrak­ti­ver und bin­det Kun­den an die Mar­ke Android. Alles hängt mit allem zusam­men, sodass sich selbst bei groß­zü­gi­ger Inter­pre­ta­ti­on der 24 Mil­li­ar­den Klicks schluss­fol­gern lässt, dass Pres­sein­hal­te für rund 20 Pro­zent der Inter­ak­tio­nen von Nut­zern auf Goo­g­les Pro­duk­ten Suche, News und Dis­co­ver ver­ant­wort­lich sind. Die­se The­se stützt auch eine Stu­die des US-Ver­le­ger­ver­bands News Media Alli­an­ce, die 2019 den Anteil von Pres­sein­hal­ten bei Goog­le-Such­ergeb­nis­sen auf
20 bis 40 Pro­zent taxiert hat­te.

Goog­le und die Ord­nung im Netz

So viel zur quan­ti­ta­ti­ven Bedeu­tung der Pres­se für Goog­le. Let’s talk about Qua­li­tät. Der Kern des Erfolgs von Goog­le mag des­sen Code sein. Der Craw­ler, der Algo­rith­mus, die ein­zig­ar­ti­ge Tref­fer­ge­nau­ig­keit, die Nut­zer schein­bar wirk­lich zu den Ant­wor­ten auf ihre Fra­gen führt. Aber das ist nicht der Grund, war­um Men­schen Goog­le nut­zen. Men­schen nut­zen Goog­le, weil Goog­le die Tür zum Inter­net ist. Men­schen nut­zen Goog­le, weil sie glau­ben, dort eine Ord­nung des Gan­zen zu fin­den. Dafür ist Ord­nung wich­tig – also der Code – aber vor allem auch das Gan­ze, also die Gesamt­heit des sicht­ba­ren Inter­nets. Hät­ten Nut­zer das Gefühl, dass Goog­le ihnen etwas Wich­ti­ges vor­ent­hält, wür­den sie ein Kon­kur­renz­pro­dukt nut­zen. Wie wich­tig sind nun also Pres­sein­hal­te für die Voll­stän­dig­keit des Net­zes?

Das Inter­net – oder der Teil des Inter­nets, den Goog­le sicht­bar macht – besteht grob gesagt aus drei Tei­len: Zum einen dem Teil, in dem sich Men­schen mit­ein­an­der ver­net­zen, also Foren, sozia­le Netz­wer­ke etc.. Der zwei­te gro­ße Teil sind Infor­ma­ti­ons- oder Con­tent-Ange­bo­te – Daten­ban­ken, wis­sen­schaft­li­che Ver­öf­fent­li­chun­gen, Enzy­klo­pä­dien, Vide­os, Musik und eben auch Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen. Der drit­te Teil besteht aus kom­mer­zi­el­len Ange­bo­ten, also Web­sites, auf denen Unter­neh­men ver­su­chen, Kun­den etwas zu ver­kau­fen. Wäh­rend die ers­ten bei­den Tei­le wach­sen, explo­diert der drit­te gera­de­zu. Die Sum­me aller eCom­mer­ce-Umsät­ze mach­te 2020 welt­weit 4 Bil­lio­nen Dol­lar aus. Dazu kom­men Online-Wer­bung, Mar­ke­ting, und B2B-Geschäf­te, die online abge­wi­ckelt wer­den. Das Netz ist eine gigan­ti­sche Shop­ping-Mall aus Pro­duk­ten, Zeit­ver­treib und Welt­an­sich­ten – und damit eine 1:1‑Abbildung der Off­line-Welt. Seit rund vier­hun­dert Jah­ren hel­fen Jour­na­lis­ten dabei, die­se Welt für alle begreif­bar zu machen. Ver­lags­an­ge­bo­te geben Ori­en­tie­rung, weil ihr Pro­dukt die Ord­nung von Infor­ma­tio­nen ist. Wenn die Ord­nung schlecht oder die Infor­ma­ti­on falsch ist, dann stirbt das Pro­dukt. Des­we­gen haben Ver­la­ge eben die inne­re Moti­va­ti­on, ihr Pro­dukt sau­ber zu hal­ten. Sie wol­len und dür­fen sich nicht aus dem Sek­tor der Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te in den Sek­tor des kom­mer­zi­el­len Net­zes zie­hen las­sen. Pres­se­an­ge­bo­te sind zwar Teil der Shop­ping-Mall, aber eben auch nur als Lage­plan am Ein­gang.

Pres­se schafft Ver­trau­en

In die­sem Abbild des Net­zes schafft Goog­le es, sich als ehr­li­cher Mak­ler zu posi­tio­nie­ren, der schein­bar ohne Eigen­in­ter­es­sen Men­schen und Infor­ma­tio­nen ver­bin­det. Und das mit der Anmu­tung einer Unbe­stech­lich­keit, die die blin­de Jus­ti­tia wie ein sinis­te­res Mafia­mit­glied aus­se­hen lässt. Das unbe­zahl­ba­re Asset der Such­ma­schi­ne ist eben nicht ihr Code, ihr Algo­rith­mus, son­dern das Ver­trau­en, das ihre Nut­zer in die Such­ergeb­nis­lis­te set­zen. Wer den Ergeb­nis­sen einer Suche nicht traut, wech­selt den Kanal. Goo­g­les Stra­te­gie kann es nur sein, den Nut­zer maxi­mal nur mini­mal zu mani­pu­lie­ren. Die Such­ergeb­nis­se immer nur so wenig auf den “gepro­fil­ten” Nut­zer abzu­stim­men, dass die­ser nicht den Ver­dacht der Beein­flus­sung schöpft. Ein essen­zi­el­ler Teil die­ses ver­trau­ens­wür­di­gen Ange­bots, das Goog­le da prä­sen­tiert, sind Pres­sein­hal­te. Sie sind – zumeist – über den Zwei­fel der Ein­fluss­nah­me erha­ben. Indem Pres­se­ver­la­ge in Such­ma­schi­nen statt­fin­den, über­tra­gen sie ihren Ver­trau­ens­bo­nus auch auf die Such­ma­schi­ne. Für die Maschi­ne sind sie damit unbe­zahl­bar. Gera­de des­halb soll­ten sie gerecht ver­gü­tet wer­den.

Sind 610 Mil­lio­nen gerecht? Ja!

Abschlie­ßend bleibt die Fra­ge, ob 610 Mil­lio­nen Euro für einen Teil der deut­schen Pres­se eine gerech­te Sum­me sind. Glück­li­cher­wei­se defi­niert das Urhe­ber­rechts­ge­setz (UrhG) und des­sen jahr­zehn­te­lan­ge Anwen­dung, was gerecht ist. Als Maß­stab für die Berech­nung einer ange­mes­se­nen Ver­gü­tung gilt es, Pro­zent­sät­ze auf die rele­van­ten Umsät­ze des Ver­werters zu erhe­ben. Der Gedan­ke dahin­ter: Der Umsatz, den ein Unter­neh­men mit der Nut­zung von Inhal­ten ande­rer macht, muss den­je­ni­gen zugu­te­kom­men, die die Inhal­te zur Ver­fü­gung stel­len. Usus bei der Lizen­zie­rung von Ver­wer­tern wie Such­ma­schi­nen sind hier 11 Pro­zent des Umsat­zes. Das hat auch die Schieds­stel­le des Deut­schen Patent- und Mar­ken­amts (DPMA) in ihrer Ent­schei­dung aus dem Jahr 2015 bestä­tigt. Sie sprach von “einem Tarif­satz von elf Pro­zent, der an und für sich für ein Gesamt­re­per­toire ange­mes­sen wäre” – bedeu­tet: So lan­ge die gesam­ten Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen in Deutsch­land abge­deckt wer­den, sind 11 Pro­zent ange­mes­sen.

Noch ein­mal die Gegen­pro­be: Min­des­tens 20 Pro­zent der Inter­ak­tio­nen aus Goog­le-Suche, News und Dis­co­ver lan­den bei Pres­se­ver­öf­fent­li­chun­gen und Pres­sein­hal­te sind qua­li­ta­tiv ein enorm wich­ti­ger Inhalt für Goog­le. Viel­leicht sind unter die­sen Umstän­den die Erfah­run­gen aus der Lizen­zie­rung ande­rer Ver­wer­ter zu über­den­ken. Ein Lizenz­satz von eben jenen 20 Pro­zent, die den Traf­fic tat­säch­lich min­des­tens aus­ma­chen, scheint nicht uto­pisch zu sein. In jedem Fall bleibt die Lizenz­sum­me mit dem Umsatz ver­knüpft. Und hier begin­nen neue Pro­ble­me.

Nach offi­zi­el­len Anga­ben erlös­te die Goog­le Ger­ma­ny GmbH mit Sitz in Ham­burg im ver­gan­ge­nen Jahr 715 Mil­lio­nen Euro. Aller­dings nur für Dienst­leis­tun­gen wie die Buchung von Anzei­gen. Die Beant­wor­tung der Fra­ge, wie viel Geld Goog­le in Deutsch­land wirk­lich ver­dient hat, gleicht einem Indi­zi­en­pro­zess. Beweis­stück A: Allein der Markt für Such­ma­schi­nen­wer­bung in Deutsch­land betrug 2020 etwa fünf Mil­li­ar­den Euro. Goog­le hat hier einen Markt­an­teil von über 90 Pro­zent. Irgend­wo muss die­ses Geld hin­ge­flos­sen sein. Dazu ist Goog­le noch – Beweis­stück B – via AdSen­se in der Dis­play-Wer­bung aktiv. Und auch Ein­künf­te aus der You­Tube-Wer­bung und wei­te­re Wer­be­ein­künf­te blä­hen den Umsatz Goo­g­les in Deutsch­land über den rei­nen Such­ma­schi­nen­markt wei­ter auf. Nach Berech­nun­gen von Corint Media, basie­rend auf Beweis­stück C – Goo­g­les Euro­pa-Umsatz von rund 50 Mil­li­ar­den Euro – ent­fie­len 2020 auf Deutsch­land rund 9 Mil­li­ar­den Euro. Und damit rund 8 Mil­li­ar­den mehr als Goog­le Ger­ma­ny aus­ge­wie­sen – und über den Gewinn ver­steu­ert – hat. Zählt man alles zusam­men, den Lizenz­satz, den Umsatz, die Grö­ße unse­res Rech­te­pot­fo­li­os, müs­sen die rund 250 digi­ta­len ver­le­ge­ri­schen Ange­bo­te, die ihre Rech­te bei Corint Media ein­ge­bracht haben – dar­un­ter die Titel von Axel Sprin­ger und meh­re­rer Regio­nal­ver­la­ge – im Jahr 2022 einen Erlös­an­teil von 420 Mil­lio­nen Euro erhal­ten. Auf Face­book ent­fal­len nach der­sel­ben Rech­nung rund 190 Mil­lio­nen Euro. Elf Pro­zent von ver­dammt viel blei­ben eben immer noch ziem­lich viel.

610 Mil­lio­nen sind recht­lich – über das Urhe­ber­recht und des­sen Anwen­dung –, wie auch wirt­schaft­lich über den Drei­satz sehr gut begründ­bar. Stellt sich die Fra­ge nach der mora­li­schen Recht­fer­ti­gung. Für rund 600 Mil­lio­nen Euro kann man den Anbau ans Kanz­ler­amt bezah­len, die deut­sche Ent­wick­lungs­hil­fe für Chi­na ein Jahr lang über­neh­men oder 10 Pro­zent eines Flug­ha­fens im Ber­li­ner Umland bau­en. Ver­dient die Pres­se so viel, wie sie hier bekom­men soll? Viel­leicht muss man anders fra­gen: Was wür­de es für die Pres­se­land­schaft bedeu­ten, wenn sie bekä­me, was sie ver­dient? Was wäre, wenn von die­sen 610 Mil­lio­nen Euro ein Drit­tel an die Jour­na­lis­ten selbst flie­ßen wür­de? So wie es gesetz­lich gere­gelt ist. Das wür­de viel­leicht end­lich die beschä­mend nied­ri­ge Bezah­lung von frei­en Jour­na­lis­ten ver­bes­sern. Viel­leicht wür­de die­se Ent­loh­nung der Jour­na­lis­ten auch den Job des Fak­ten­fin­ders end­lich wie­der attrak­ti­ver machen. Viel­leicht wäre es eine klei­ne Ent­schä­di­gung dafür, auf Coro­na-Demos ange­spuckt oder auf Twit­ter per­sön­lich bedroht zu wer­den. Oder viel­leicht könn­ten die Pres­se­ver­le­ger das zusätz­li­che Geld nut­zen, bald die digi­ta­len Pro­duk­te zu ent­wi­ckeln, die im Wett­be­werb mit den Mas­sen an bezahl­tem Con­tent bestehen kön­nen. Viel­leicht wür­de das der Gesell­schaft hel­fen, wie­der bes­ser Fakt von Fik­ti­on zu unter­schei­den. Viel­leicht wür­de eine zukunfts­fä­hi­ge Pres­se ein stär­ke­res Gegen­ge­wicht zu Pro­pa­gan­da, Fake News und Mei­nungs­ma­che auf Sozia­len Platt­for­men bil­den kön­nen. Was aber sicher ist: Weder Goog­le noch Face­book wer­den irgend­ei­ne die­ser Maß­nah­men über­neh­men. Im Gegen­teil: Sie ver­die­nen gut dar­an, wenn alles genau­so bleibt, wie es ist.

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